LIV
»Here you go! Here is your change. Have a nice day! Bye!« Liv strahlte und reichte einem Engländer in Tweedsakko sein Wechselgeld. Es war ihr immer eine Freude, auf Landsleute zu treffen.
Sie liebte ihren Job im Souvenirladen. Sie war gerne unter Menschen und die deutsche Sprache bereitete ihr mittlerweile keine Probleme mehr. Und die Stadt war großartig! So viele Möglichkeiten, so viel zu erkunden. Nach anfänglichen Schwierigkeiten hatte sie sich dann doch in Berlin eingelebt und war vor drei Jahren, mit gerade mal zwanzig, in eine WG in Friedrichshain mit Blick auf den Volkspark gezogen. Hier war sie genau am Puls der Zeit. Optimal!
»Hey, was machst du denn hier?«, rief Liv freudig aus, als sie Ann erblickte, die gerade das Geschäft betrat.
»Ich dachte mir, ich entführe dich auf einen Milchkaffee. Du hast doch gleich Schluss, oder?« Ann lächelte verschmitzt.
Kurz blitzte vor Livs geistigem Auge die Erinnerung auf, wie Ann ihr in ihrer ersten Woche in Deutschland zu Hilfe gekommen war. In einem Supermarkt hatte sie hilflos und überfordert in das Gesicht einer Verkäuferin geblickt, die sie mit einem Schwall deutscher Worte überflutet hatte, von denen Liv höchstens mal ein »und« verstanden hatte. Ann hatte gedolmetscht und Liv hatte schnell gemerkt, dass sie auf der gleichen Wellenlänge lagen. Sie waren Freundinnen geworden, und Ann hatte Liv all die schönen Ecken von Berlin gezeigt. Seitdem waren sie unzertrennlich. Als Anns damalige Mitbewohnerin kurz darauf auszog, zog Liv in das freigewordene Zimmer in der Altbauwohnung mit Blick auf den Volkspark Friedrichshain.
Herrlich, dachte Liv, als sie mit Ann den mit Menschen gefüllten Ku’-Damm betrat. Sie schloss die Augen, als sie ihr Gesicht der Sonne zuwendete und ihre wärmenden Strahlen genoss. Der Frühling war eindeutig ihre liebste Jahreszeit! Wie gut, dass sie heute nicht bis zum Abend arbeiten musste.
Sie schlenderten in Richtung KaDeWe, holten sich im Europacenter einen Kaffee zum Mitnehmen und pflanzten sich auf die Stufen vor der Gedächtniskirche. Hier war immer etwas los und es gab jede Menge zu sehen. Eine Gruppe Punks hatte sich mit ihren Hunden ebenfalls auf den Stufen niedergelassen, ein Straßenkünstler, von Kopf bis Fuß silbern, mimte eine Statue. Li