Teil Eins
Giulia hat sich von mir getrennt.
Ich stelle mir vor: ihre Beerdigung. Viele sagen, so eine Beerdigung sei eine Möglichkeit loszulassen. Sie haben keine Ahnung. Ich wäre am liebsten davon gelaufen. Ich war stumm. Wie gelähmt. Ich musste mich überwinden, aufzustehen und dem Sarg zu folgen. Im Gottesdienst war es gut gewesen zu sitzen, alles über mich ergehen zu lassen. Wäre gern den ganzen Tag so gesessen, von mir aus allein. Der Pfarrer sprach von der Liebe, die alles glaubt, alles erträgt, alles hofft. Er hatte keine Ahnung. Blumen. Wieso Blumen? Was gab es zu feiern? Es war grotesk.
Hände schütteln musste ich. Gedämpfte Stimmen, Kondolenzwünsche. Sie hatten alle Mitgefühl, aber keine Ahnung. In mir war es tot. Ich lauschte der Stille. Nichts regte sich. Ihr Leichnam war eine Puppe, ein entstelltes Schneewittchen. Abschied nehmen davon? Sie war längst gegangen. Da half mir auch keine Zeremonie um ein Stück Leichenfleisch, einen hergerichteten Popanz, der die Grauenhaftigkeit des Geschehens noch verstärkte.
Manche behielten mich im Auge. Ich weiß es. Sie wollten prüfen, ob ich zusammenbreche. Sie wollten sehen, ob ich gefährdet sei. Aber ich war nichts, da konnte auch nichts zusammenbrechen. Ich war gar nicht da. Es war eine dritte Person, die an der Beerdigung teilnahm. Ich hatte einen Strohmann geschickt, wohltuend. Derweil stand ich draußen an der Hecke vor dem Friedhofstor und rauchte. Setzte mich, als der Zug Richtung Grab losmarschierte, ins Auto und fuhr auf die Hochfläche hinauf. Ging spazieren, eine Allee zu einem Gestütshof entlang. Setzte mich auf eine Bank und konnte endlich weinen. Ich weinte eine halbe Stunde