Vorwort
Falls der Titel dieses Buches Ihr Interesse geweckt hat, ist das ein Zeichen, dass Sie hier richtig sind. Nehmen Sie sich als Erstes einen Moment Zeit für ein bisschen Selbstwertschätzung: Wenn Ihr Kind traumatisiert ist, teilen Sie gewissermaßen sein Leid ‒ das Gefühl, der Situation nicht gewachsen, überlastet, vielleicht auch vollkommen durch den Wind zu sein. Motiviert von dem Wunsch, sich zu kümmern, schauen Sie sich das Buch näher an. Sie suchen nach Orientierung, Sie wollen Ihr Kind verstehen und ihm helfen. Gleichzeitig brauchen Sie auch selbst das Gefühl, verstanden zu werden, und genau damit holt Sie dieses Buch ab. Sie werden von Erfahrungen anderer Eltern lesen, in denen Sie sich wiederfinden können, zum Beispiel, dass es zwar natürlich, aber auch hinderlich ist, schmerzhafte Gefühle zu verdrängen. Besser ist es, sich mit ihnen auseinanderzusetzen, und indem Sie in diesem Buch nach Antworten suchen, tun Sie genau das. Welch ein Glück für Ihr Kind, dass Sie so gut für es sorgen!
Bei Dr. Melissa Goldberg Mintz sind Sie auf alle Fälle an der richtigen Adresse. Als ich sie kennenlernte, leitete ich seit mehr als 20 Jahren in Krankenhäusern Patientenedukationsgruppen zum Thema Trauma, Beziehung und Bindung. Im Rahmen ihres Postdoktorandenstipendiums bot sie mir an, mich bei einer solchen Gruppe zu begleiten, und wie Ihnen bei der Lektüre dieses Buches sofort auffallen wird, erwies sie sich als Naturtalent: Sie hatte eine positive Ausstrahlung, war einfühlsam und versiert. Sie beobachtete und hörte gut zu. Sie war begierig zu lernen und ihr Wissen mit anderen zu teilen. Sie drückte sich verständlich aus und verzichtete auf komplizierte Formulierungen und Fachjargon. Über die Jahre haben mich die Teilnehmenden an der Patientenedukation allerhand gelehrt, und so habe ich diese Gruppen immer als Privileg empfunden. Zum Vorteil ihrer Leser:innen hat Dr. Goldberg Mintz aus diesem Privileg das Beste gemacht: Sie hat nie aufgehört zu lernen und zu lehren. Psychologin durch und durch, verbindet sie die Wissenschaft mit der Praxis. Vor allem aber ist ihre Arbeit, auch die schriftliche, durchdrungen von ihrer Menschenliebe.
Einmal, vor vielen Jahren, hielt ich einen Vortrag vor den Familienangehörigen der Betroffenen. Am Ende erhob sich ein Mann ganz hinten im Raum von seinem Stuhl und fragte: „Doktor Allen, all das, was Sie uns hier erzählen ‒ ist das nicht einfach gesunder Menschenverstand?“ ‒ „Exakt!“, erwiderte ich und wies daraufhin, dass gesunder Menschenverstand ein ziemlich ambitioniertes Ziel sei. Dieses Buch ist jedenfalls voll davon. Durch alle ausführlichen Darstellungen schimmert die Kernaussage: Die Beziehung, die Sie zu Ihrem Kind haben, ist das Wichtigste für dessen Gesundheit und Gesundungsprozess. Leitbild ist die sogenannte „sichere und zuverlässige Bindung“. Ein sicher gebundenes Kind vertraut darauf, dass seine Eltern da sind, wenn es in Gefahr oder in Not ist, und dass sie einfühlsam auf seine Gefühle und Schwierigkeiten eingehen. Wie etliche Forschungsarbeiten zeigen, trauen sich Kinder, die auf die Geborgenheit einer sicheren und zuverlässigen Bindung zählen können, ihre Umwelt zu erkunden, weil sie wissen: Sollten sie Trost und Beistand brauchen, werden sie ihn be