Die Durchsage des Kapitäns weckt mich. Mein Rücken ist steif und schmerzt. Gähnend ziehe ich die Schlafmaske ab und kneife die Augen zusammen. Die Flugroute auf dem Bildschirm zeigt an, dass wir Bulgarien bereits hinter uns gelassen haben.
Mit dem Nackenkissen um den Hals dehne ich mich in jede Richtung. Der Mittelsitz neben mir ist unbesetzt. Also greife ich nach meiner Handtasche auf dem Boden und lege sie darauf ab. Auf dem Gangplatz sitzt ein Mann im Businessoutfit. Die Beine von sich gestreckt blättert er in einem internationalen Wirtschaftsblatt.
Moment mal! Ich reibe mir den Schlaf aus den Augen und bemühe mich, ihn nicht anzustarren. Ist das nicht der bargeldlose Kreditkartenbesitzer aus dem Duty-free-Shop? Selbst von der Seite erinnert er mich an Markus.
Im Nullkommanichts richte ich mich auf, schlage die Beine übereinander und gebe mir Mühe, eine damenhaftere Position einzunehmen. Okay, der Schmollmund ist übertrieben. Du meine Güte, warum sind meine Hände so schwitzig?
Er faltet seine Zeitung zusammen und lächelt mich an. Um seine Augenwinkel bilden sich die attraktiven Fältchen, die mir vorhin schon aufgefallen sind.
»Na? Ausgeschlafen?« Er wirft einen Blick auf das pinkfarbene Nackenkissen, das bestimmt ziemlich unsexy an meinem Hals hängt.
Hektisch zerre ich es herunter.
Seine Augen werden größer und er scheint mich zu erkennen. »Ach Sie? Das ist ja eine Überraschung.«
»Was für ein Zufall, nicht wahr?« Ich lächle zaghaft und atme tief durch. Habe ich etwa Mundgeruch?
»Ein schöner Zufall«, antwortet er mit einem Zwinkern. Dann mustert er meine gebräunten Arme. »Sie waren im Urlaub, stimmt s?«
»Ja, ich habe eine Rundreise von Bangkok über Chiang Mai und zuletzt Khao Lak gemacht.« Ich versuche, möglichst locker zu wirken, doch bin mir sicher, ich klinge wie bei einem Vorstellungsgespräch. Nervös streiche ich mir eine Haarsträhne aus dem Gesicht. Bestimmt sieht meine Frisur aus, als hätte ich stundenlang mit einem Staubsauger gekämpft.
»Haben Sie auch den Khao-Sok-Nationalpark besucht?«
Ich nicke.
»Da war ich schon zwei Mal.« Er reicht mir eine aufgeklappte Pralinenschachtel. »Mögen Sie?« Die Ärmel seines weißen Hemdes sind hochgekrempelt und bringen seine durchtrainierten Unterarme voll zur Geltung. Mit diesem Aussehen könnte er locker als Model für Designerklamotten arbeiten.
Ich zwinge mich, meine Konzentration auf die schokoladenen Kunstwerke zu lenken. Sie sind fast zu schade, um sie zu vernaschen. Trotzdem suche ich mir ein Stück aus Vollmilchschokolade aus. »Danke!« Ich stecke mir die Praline komplett in den Mund. »Hmm, göttlich!«, sage ich stöhnend. Damit meine ich nicht nur die Praline.
»Ich liebe sie.«
Ich reiße die Augen auf und die Süßigkeit bleibt mir beinahe im Hals stecken. Habe ich mich verhört? Meine Wangen werden heiß.
Er räuspert sich. »Ich meine die Pralinen.« Nun wirkt er etwas verlegen und reibt sich den Nacken.
Wie konnte ich nur annehmen
»Übrigens ich bin Sebastian.«
Ich wische die Hand an meiner Jeans ab und reiche sie ihm. »Und ich bin Katja.« Sein Händedruck ist kräftig und angenehm kühl.
Er beißt in eine Praline aus Zartbitterschokolade, auf die ein filigranes Muster gezeichnet ist. »Die gibt es nur an Bord. Jedes Mal, wenn ich fliege, genehmige ich mir eine Packung.«
»Reist du oft?« Genüsslich lecke ich mir über die Lippen, während er mir erneut die Pralinenschachtel über den Mittelplatz reicht.
»Ja, ich bin ständig auf Reisen.«
Sofort schießt mir Julian durch den Kopf. Auch er war zuletzt nur noch unterwegs. Ohne Rücksicht auf unsere Beziehung hat er sich letzten Endes nach Singapur abgesetzt. Wegen seiner Karriere. Ihm war völlig egal, was aus uns was aus mir werden würde. Noch heute versetzt es mir einen Stich, wenn ich an unsere unerwartete Trennung denke.
Komm halt mit, schlug er mir als einzige Alternative vor.
Spinnt der? Hat er wirklich geglaubt, ich lasse alles stehen und liegen und folge ihm mir nichts dir nichts auf seinen Selbstverwirklichungstrip?
»Und du?« Sebastian sieht mich interessiert an und eine seltsame Wärme erfasst mich.
»Ich?«
»Ja, reist du viel?«
Energisch schüttle ich den Kopf, so als könnte ich damit die Gedanken an Julian von mir abschütteln. »Nein, eher nicht. Nur im Urlaub.«
Er lacht auf. »Urlaub? Könnte ich auch mal wieder brauchen.«
»Was machst du denn beruflich?«
»Ich bin Hotelmanager bei einer Luxushotelkette.« Aus seinem Mund hört sich dieser wahnsinnig aufregend klingende Job überhaupt nicht überheblich an. Ich linse auf sein Handgelenk, an dem, wie ich vermutet habe, keine sündhaft teure Designeruhr hängt. Im Gegenteil, er macht einen bodenständigen Eindruck auf mich.
»Wir haben ein paar Anlagen in Deutschland und einige auf allen Kontinenten verstreut. Deshalb bin ich hier Stammgast.« Er klopft mit den Handflächen auf die Ar