April
Ihm steht ein freies Wochenende bevor, das er füllen muss. Womit genau, ist unklar. Ein Lebensmitteleinkauf gibt zumindest eine Richtung vor. Nachdem er sein Auto am äußersten Rand des Parkplatzes geparkt hat, geht er auf das Einkaufswagenhäuschen zu. Es sind nur noch zehn Wagen da, immerhin ist es Freitagabend. Kalk zieht einen der Wagen aus der Bucht und steuert auf die Tür des Supermarktes zu. Seine Gedanken haben kein Muster.
Das Frühjahr macht ihn fertig. Der April wird unbeständig bleiben, so kündigen es die Meteorologen an. Vor zwei Wochen noch Frost, vorgestern 23 Grad und heute ein nebeliger Tagesbeginn. Mittlerweile sind es 15 Grad und unerwartete Schauer haben Pfützen auf dem Asphalt hinterlassen. Das ganze Jahr fühlt sich an wie ein beständiger April. Monat der Ödnis. Kalk vermutet aber, auf das Gröbste vorbereitet zu sein, unklare Bilder von Zukunft flimmern vor seinen Augen. Aber die Definitiondes Gröbsten steckt ja als solche schon voller kleinteiliger Varianten der Grausamkeit.
Kalk bewegt sich langsam durch die Gänge des Supermarktes. Selbst der Blick auf die Zeitungsüberschriften, die er im Regal neben den Rätselheften sieht, sorgt nicht dafür, dass sich Kalks Stimmung verfinstert. Er ist das um ihn herum stattfindende Elend gewohnt. Er weiß auch nicht, ob es wirklichesElend ist, was ihn umgibt, in seiner Vorstellung hat Elend heftigere emotionale Auswirkungen. Das richtige Elend ist ja auch immer woanders. Zumindest wird Kalk darin bestärkt, wenn er die Schlagzeilen sieht. Es beruhigt ihn, das Elend anderswo zu wähnen. Wäre das Elend bereits hier, er würde sich garantiert anders fühlen. Es ist sonst wo, dieses Elend, nicht hier, mitten in Deutschland, nicht in dieser Kleinstadt, nicht in diesem Supermarkt. Allerdings ist ihm auch klar, dass, nur weil er keine Schüsse hört, es nicht bedeutet, dass nicht geschossen wird.
Wenn man sich die Mühe machte, Kalk zu fragen, was er denn beruflich macht, so würde er versuchen, nichts zu beschönigen. Es passiert selten, dass Kalk danach gefragt wird, weil er Situationen meidet, in denen er danach gefragt werden könnte. Er ist seit vielen Jahren Verkäufer in einem Elektrogroß- und -einzelhandel. Die einzige Abwechslung in seinem Beruf besteht darin, dass er zeitweise durch ein Lager huscht und Großbestellungen für Installationsmaterial in einen großen Einkaufswagen legt und parallel dazu einen Lieferschein schreibt. Durchbrochen wird diese an sich meditative Tätigkeit von Kundinnen und Kunden, die in das Fachgeschäft kommen, um Lampen, Spülmaschinen und Elektroherde zu kaufen, und sich entsprechende fachliche Beratung wünschen. Kalk kennt sich aus mit diesen Dingen, aber auf dem Heimweg muss er trotzdem gelegentlich sein Autoradio lauter stellen, damit es die Gedanken an die Sinnlosigkeit seiner Tätigkeit übertönt. Bislang funktioniert das.
Kalk legt verschiedene frische Gemüsesorten in seinen Einkaufswagen, allein, um sich selbst das Gefühl zu geben, die Dinge im Griff zu haben. Dabei setzt er bewusst einen Expertenblick auf, der suggeriert, er könne gutes von schlechtem Gemüse unterscheiden. Kalk berührt einen Brokkoli wie eine in Plastik verpackte Geliebte, legt ihn zurück, nimmt den nächsten Brokkoli, begutachtet seine prallen Röschen und lässt ihn in einer Mischung aus Sanftmut und Gnade in den Einkaufswagen sinken. Die Fachleute sagen, durch Ernä