: Karin Suer
: Point of Slow Return
: Books on Demand
: 9783759740670
: 1
: CHF 7.00
:
: Gegenwartsliteratur (ab 1945)
: German
: 224
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
2077. Ich verfasse einen Brief an eine besondere Gruppe von Kindern. Ihre Wege und meiner kreuzten sich auf Mallorca, wo ich mich als deutsche Auswanderin niedergelassen habe, weil ich das Meer so liebe. Sie haben das Meer überquert mit nichts als dem nackten Wunsch, zu überleben. Während wir zusammen finden uns eine Gemeinschaft bilden, gerät die Welt um uns herum in eine multiple Krise. Und es formiert sich eine mysteriöse Aktivistentruppe, der alles zuzutrauen ist. Ein alltagsphilosophisches Gesellschaftsdrama zum Mit- und Weiterdenken.

Karin Suer, geborene Westfälin und seit 2014 in Spanien lebend, ist Mutter, junge Großmutter und Künstlerin. Zwischen Musik, Modedesign und Malerei hat sie sich dabei lange Zeit nicht festlegen wollen. Fest stand jedoch für sie immer, dass sie einmal schreiben würde. Denn sie hat schon ihre Kindheit überwiegend in Bücherwelten verlebt und liebt Sprachen und die Literatur. Aber sie versteht sich auch als zeitgenössische Denkerin. In ihrem Debüt"Störung", erschienen 2023, entgleist ein einzelner Mann in Berlin. Im zweiten, 2024 erscheinenden"Point of Slow Return" geht es dagegen um unsere ganze Gesellschaft, im Wandel und Klimawandel. Beide sind authentisch, fesselnd und nachhallend. Weitere Texte sind zu erwarten - Suer hat als Autorin gerade erst begonnen.

HEILE WELT


Mein Leben begann 1977, also vor ganzen hundert Jahren am Rande einer Kleinstadt im Norden Deutschlands. Ich bin die Tochter einfacher Menschen und habe sieben jüngere Geschwister. Wir hatten ein kleines, altes Haus aus Sandstein mit einem großen Garten, und während wir Kinder immer mehr wurden und das Haus immer kleiner, und damit wir meiner Mutter nicht die ganze Zeit um die Füße herumtanzten aber auch, weil wir im Haus eine fürchterliche Unordnung anrichten würden, ließ sie uns am liebsten draußen spielen. Und zwar bei jedem Wetter.

Meine Kindheit unterschied sich insofern damals sehr von der meiner Klassenkameraden. Keiner von ihnen hatte so viele Geschwister, und keiner von ihnen konnte so spielen wie ich. Die meisten hatten einen Fernseher, das gab es bei uns nicht, oder wurden in Vereinen und Kursen andauernd beschäftigt, Reiten, Musikunterricht, Fußball, auch das gab es bei uns nicht, denn wer wollte das alles für ganze acht Kinder bezahlen. Also beschäftigten wir uns selbst, und darin waren wir einsame Spitze.

Wir gruben zum Beispiel tiefe Löcher in den Boden eines ungenutzten Ackers direkt hinter unserem Grundstück, jeder sein eigenes, so tief, bis es nicht mehr weiter ging, weil wir auf Grundwasser stießen. Aber immerhin tief genug, dass wir darin fast aufrecht stehen konnten. Einmal hatten wir auf einem Streifzug durch die Nachbarschaft ein paar verzinkte Blechbadewannen gefunden, später wussten wir, dass das wohl Futtertränken waren, aber für uns waren sie weder das eine noch das andere: Sie waren