Norenberc
MDCXXXI Aprilis
regnante domino Ferdinand II. Imperii sancti Romani Germanica anno incarnationis domini Iesu Christi
Chiara hebt die schwere Tasche in den Wagen, der Kutscher blickt sie schuldbewusst an, er war zu langsam. Beschwichtigend schüttelt sie den Kopf und steigt ein. Luc tritt aus dem Haus und gibt letzte Anweisungen für den Abtransport der Einrichtung, eigentlich nur für die Bücher und die Stelen. Gespannt blickt sie ihm entgegen. „Du willst dich weiterhin darüber ausschweigen, wo wir demnächst leben?“ — „Lass dich überraschen, ich dachte, du liebst das Spionieren. Allerdings kann ich dir mitteilen, du musst eine neue Sprache lernen.“ — „Oh, das bedachte ich nicht.“ — „Es tut mir leid, Länder, deren Sprachen du sprichst, kamen nicht infrage. Bei den Griechen ist es schrecklich langweilig und über die arabischen Länder schweigen wir besser. Latein wurde nirgendwo gesprochen und Frankreich ist Kriegsgebiet, Spanien ebenfalls.“ — „Spanisch beherrsche ich nicht. Somit fahren wir ins Zarenreich?“ Erstaunt schaut er auf. „Daran dachte ich nie, vielleicht in einem anderen Leben. Warte ab, du wirst begeistert sein.“ — „Ich hoffe, wir müssen keine Berge überqueren, dafür ist meine Tasche zu schwer. Ich packte einige Bücher ein, da es das letzte Mal ewig dauerte, bis die Bibliothek nachgeliefert wurde.“ — „Dort, wo wir hinfahren, gibt es welche, die du lesen kannst, sobald du die Sprache beherrschst.“ Süffisant grinsend steigt er ein. „Und los! Dir ist bewusst, wir müssen Kriegsgebiet durchqueren, egal in welcher Richtung.“ — „Das befürchtete ich, also lass uns so schnell wie irgend möglich fahren und den Armeen ausweichen.“ — „Dazu bekam der Fahrer Anweisung, es liegt in seinem Interesse. Er würde auch ohne uns die Stadt verlassen, da er Verwandtschaft in derselben Richtung besitzt.“ — „Wo lebt seine Familie?“ — „Netter Versuch, junge Dame.“ Schelmisch grinst er.
Der Wagen ist leicht. Der Kutscher lud sein gesamtes Hab und Gut mit auf, allerdings passte das in eine einzige Kiste. Sein wichtigster Besitz ist das Gefährt selbst, die beiden Pferde davor und die, die hinten angebunden sind. Damit kann er die Tiere regelmäßig wechseln und sie werden schneller vorankommen. Sie wollen zur Nacht keinesfalls an Gasthöfen halten, sondern draußen kampieren, dadurch können sie den Städten und Schlachten besser ausweichen.
Bereits vor ihrer Abreise gab es Bekanntmachungen, nach denen der Kaiser neue Münzen einführt, die alten werden bald ungültig. Beim ersten Wechsler möchte der Kutscher seine gesamten Barschaften eintauschen, Luc hält ihn davon ab. Für vier der alten werden fünf neue gegeben, das klingt nach einem hervorragenden Geschäft, jedoch die neuen enthalten kaum Silber, das benötigt der Kaiser für den Krieg. Luc erklärt ihrem Fahrer, er wird außerhalb des Deutschen Reichs für das alte Geld ein Vielfaches erhalten. Die Bauern, bei denen sie ihre Vorräte auffrischen, nehmen beides, teuer ist ohnehin alles.
Die Waldlichtung liegt unbeschreiblich ruhig vor ihnen, als würde es nirgendwo Kämpfe geben. Vögel zwitschern, ein Bach plätschert, die Pferde schnauben zufrieden beim Grasen. Der Kutscher entfacht ein Feuer und röstet Brot darüber. Chiara kaut an einer Rübe. „Wo findet der Krieg im Moment statt, Luc?“ — „Glücklicherweise weiterhin in einem anderen Teil des Reichs. Derzeit tobt er um Magdeburg. Die Bürger hofften auf die Hilfe der Schweden, doch die wurden leider im Norden aufgehalten. Die Stadt wird fallen, vermutlich geschah dies längst.“ Luc erhebt sich, schlendert zum Wagen und durchsucht seine Tasche. Ein Buch nach dem anderen zieht er heraus und steckt es mit einem Kopfschütteln zurück. Unauffällig rückt sie näher zum Kutscher. „Wo sind wir im Moment?“, fragt sie möglichst gelangweilt. Flüchtig mustert er sie und schüttelt den Kopf. „Der Herr bat mich, Euch das keinesfalls zu verraten, er möchte Euch nicht unnötig beunruhigen. Wir werden rechtzeitig die Grenze erreichen. Macht Euch keine Sorgen.“ Mitfühlend legt er die Hand auf ihre Schulter, bevor er weiter in die Flammen starrt, das Gespräch ist für ihn eindeutig beendet. Als Luc zurückkehrt, knurrt sie leise. Verwundert schaut er sie an. „Ich will endlich wissen, wo es hingeht. Schließlich soll es ebenso mein zukünftiges Heim werden.“ — „Ich bin überzeugt, du würdest dich nach einer angemessenen Zeit überall Zuhause fühlen. Dazu bist du viel zu wissbegierig und darum wirst du über kurz oder lang auch ohne mein Zutun herausfinden, wohin wir unterwegs sind.“ Er grinst hämisch, sie knurrt erneut.
Seit dem frühen Morgen folgen sie einem breiten Fluss, in diesem Augenblick lenkt der Fahrer sein Gefährt auf einen Bauernhof, um neue Vorräte zu besorgen. Chiara bleibt sitzen, nach sechs Tagen schmerzt ihr jeder Knochen. Zwei Kinder spielen vor der Scheune, plötzlich kommt ihr ein Gedanke. Luc und der Kutscher verhandeln mit dem Bauern. Verwegen grinsend öffnet sie leise den Verschlag und schlendert zu den Kindern hinüber. „Schönen guten Tag euch beiden, was spielt ihr?“ — „Meine Schwester ist das Burgfräulein und ich der edle Ritter, der sie rettet.“ — „Oh, vor was musst du sie bewahren?“ Der Junge schaut sie verständnislos an und zuckt die Schultern. „Na, du hast Recht, edle Ritter müssen Burgfräulein fortwährend beschützen, dazu sind sie da. Wisst ihr, wie sich der Fluss dort hinten nennt? Ich bin fremd.“ Der Junge scheint viel zu verwirrt für eine Antwort. „Das ist die Saar“, antwortet darum das Mädchen. „Die kennt doch jeder“, ergänzt der Knabe. Chiara gibt sich zufrieden. „Danke mein edler Ritter. Gehabt Euch wohl, mein Fräulein.“ Rasch eilt sie zur Kutsche, springt hinein und gähnt gelangweilt, als Luc einsteigt. Somit fuhren sie die letzten Tage beständig nach Westen. Geht es doch nach Frankreich? Nein, sie wird Luc keinesfalls fragen, sie findet es allein heraus. Nach einer weiteren Stunde Fahrt trifft die Saar auf einen anderen Fluss. Vor ihrem geistigem Auge entfaltet sich eine Landkarte, das muss die Mosel sein, wir fahren nach Norden, sie ist gespannt, wie es weiter geht.
Am Abend macht sie sich auf die Suche nach Brennholz, sie flehte den Kutscher förmlich an, ihr jeden Tag diese Aufgabe zu überlassen. Es ist die einzige Gelegenheit, nach all den Stunden Durchrütteln die Gliedmaßen zu lockern. Ein Ast bricht in ihrer Nähe, instinktiv wendet sie sich dem Geräusch zu. Zwei Männer stehen vor ihr, ein weiterer gesellt sich dazu, die Kleidung ist zerschlissen, sie tragen Waffen, damit sind es marodierende Soldaten. Alle drei grinsen sie unverhohlen zweideutig an. Chiaras Blick schweift von einen zum anderen, sie nähern sich siegessicher. Sie drückt den Rücken durch und wären die Soldaten aufmerksamer gewesen, hätten sie die Luft gehört, die sie geräuschvoll aus der Nase stößt und ein leises Klicken. Die Schritte der Angreifer werden schneller, ihr Grinsen hämischer. Der Mittlere schaut herausfordernd zu seinen Mitstreitern, einmal links, einmal rechts, dann prallt er auf etwas, die Haut auf seiner Stirn platzt, Blut läuft ihm ins Auge. Die beiden anderen bleiben stehen und starren ihn irritiert an, einer von links, einer von rechts. Hinter ihr ertönt das vertraute Knurren eines Löwen. Der Mittlere wischt sich über die Stirn und blickt ungläubig auf die blutige Hand. Die beiden anderen starren an ihr vorbei und nähern sich geduckt, wie Wölfe kurz vor dem Angriff. Schon knallen auch ihre Köpfe auf etwas Hartes, Unnachgiebiges, Unsichtbares. Chiara blieb die ganze Zeit unbewegt stehen, anschließend bückt sie sich und hebt den Ast auf, nachdem sie vorher greifen wollte. Sie legt ihn auf den Arm zu dem anderen Brennholz. Luc steht nun neben ihr, nachdenklich schaut er zwischen den Soldaten und ihr hin und her. „Was war das? Ich glaubte, Ziegelsteine zu hören, die aufeinandergeschlagen werden.“ — „Ja? Sahst du sie?“ Bedächtig schüttelt er den Kopf, sie grinst. „Die drei würden schwören, sie sind da.“ Er nickt und nimmt ihr das Holz ab. Auf dem Weg zu ihrem Lagerplatz sammelt sie weitere Äste.
Am nächsten Tag regnet es heftig. Als sie in den Abendstunden an einem Gasthof, der einsam an einer Wegkreuzung steht, vorbeirollen, fordert Luc den Kutscher auf, anzuhalten. „Wir nächtigen hier. Ich bestelle zudem ein Zimmer für dich, du hast den ganzen Tag im Regen durchgehalten.“ — „Danke Herr, das bin ich gewöhnt.“ — „Willst du mich glauben machen, ein warmes Bett wäre bei diesem Wetter unangenehm.“ Der Kutscher schüttelt den Kopf und hebt die Taschen aus dem Verschlag. Luc reicht Chiara die Hand zum Aussteigen. „Ich...