Kapitel 1 – Wiedersehen in Norwich
Wenn meine Mutter nicht gestorben wäre, wäre ich niemals in dieses Kaff in Vermont zurückgekehrt. Mit Norwich verbinde ich zu viele schlechte Erinnerungen. Doch Mum ist tot, und ich muss mich um den Verkauf ihres maroden Hauses kümmern. Es ist wohl besser, ich lasse es abreißen und veräußere nur das Grundstück. Viele Millionäre besitzen Wochenendhäuser in der Nähe, da die Green Mountains und der Lake Champlain beliebte Erholungsgebiete sind. Es wird sicher nicht lange dauern, und ich habe es zu einem guten Preis vom Hals.
Bevor ich allerdings den Ort des Grauens aufsuche, muss ich noch einkaufen. Daher parke ich den gemieteten Mini Cooper unter einer großen Birke neben dem Musikpavillon, und schon rieseln Blätter auf die Windschutzscheibe. Der Herbst ist eingezogen, die Wälder rund um die Stadt leuchten in bunten Farben. Der Indian Summer ist mir ein wenig abgegangen, muss ich gestehen. In New York bekommt man vom Herbst nicht so viel mit.
Als ich aussteige, rieche ich sofort Fleisch und Würste, die die Einwohner auf der großen Wiese über Grills zubereiten. Es ist Samstag, die Kinder toben über den Rasen, Hunde bellen – oder sind das … Ich kneife die Lider hinter der Sonnenbrille zusammen und schaue mir die Tiere genauer an. Ich wittere Wolfswandler, doch sie sind in Menschengestalt unterwegs, auch wenn ich sie nicht sehen kann. Es sind Mitglieder des Porter-Rudels. Nur die stinken nach den Schafen, die sie auf ihrer Farm halten.
Bilder von Nate tauchen in meinem Kopf auf. Sein unwiderstehliches Lächeln und die süßen Grübchen in der Wange, sein dichtes schwarzes Haar, die eisblauen Augen, seine breite Brust … Fuck, dieses Arschloch verfolgt mich noch immer!
Wird Zeit, dass ich meine Einkäufe erledige und zum Haus meiner Mutter fahre. Ich habe keine Lust, jemandem aus dem verfeindeten Porter-Rudel zu begegnen. Weder Nate Porter noch seinem Bruder noch sonst jemandem. Das würde nur düstere Erinnerungen hochkochen lassen, doch mit meiner Vergangenheit in Norwich habe ich abgeschlossen. Ich bin kein Mitglied des Burton-Rudels mehr und will auch nie wieder eines werden. Insofern bin ich raus aus der Schusslinie, aber bei den Porters weiß man nie. Die haben sich hier schon immer wie Könige aufgeführt.
Ich sperre den Wagen ab und wische meine vor Nervosität feuchten Hände an der Jeans ab. Dann gehe ich auf das große, weiß getünchte Haus zu. Josey’s Gemischtwarenhandlung bildet neben einem Gasthaus, der Kirche, dem Rathaus und der Grundschule den Stadtkern. In Norwich hat sich nichts verändert. Dieses Kaff ist wirklich kein Vergleich zum hektischen New York. Sehr idyllisch ist es hier, doch der Schein trügt. Mein Leben hier war die Hölle. Nur Nate hat mich alles durchstehen lassen – bis er mir die schlimmste Wunde zugefügt hat, die noch immer nicht ganz verheilt ist.
Wir wollten es besser machen als unsere Eltern, wollten für Frieden zwischen unseren Rudeln sorgen und haben uns ewige Liebe geschworen – bis er vor meinen Augen mit der Kellnerin aus der Cotton Bar herumgeknutscht hat.
Als ich den Laden betrete, ertönt ein Glöckchen über meinem Kopf. Es ist dasselbe wie vor zehn Jahren. Auch an der Einrichtung hat sich nichts geändert, meterlange Regalreihen mit Lebensmitteln und anderen Gebrauchsgütern durchziehen das Geschäft. Nur Mr. Wesdon hinter der Kasse ist älter geworden. Sein einst graues Haar ist fast weiß und bloß noch spärlich vorhanden.
Sofort steht er auf, schiebt mit dem Zeigefinger die Hornbrille auf seinem Nasenrücken nach oben und kommt humpelnd auf mich zu. »Kann ich Ihnen helfen, Miss?«
Offenbar erkennt er mich nicht mehr. Gut. Ich habe keine Lust auf Erklärungen, warum ich mit blutjungen achtzehn Jahren regelrecht aus der Stadt geflohen bin.
»Nein, vielen Dank, ich komme klar.«
»Sind Sie auf der Durchreise?«, ruft er mir nach, während ich zwischen den Regalen verschwinde.
»Äh … ja!«
Er murmelt: »Unfreundliches Pack, diese Touristen«, und ich höre, wie er sich wieder in den quietschenden Drehstuhl hinter der Kasse setzt.
Seine Laune ist offenbar auch noch dieselbe.
Ich ziehe eine Packung Toastbrot und Käsescheiben aus dem Regal, danach mache ich mich auf die Suche nach Milch, Orangensaft und Obst. Ich werde nur das Nötigste kaufen, da ich nicht vorhabe, länger als eine, maximal zwei Nächte zu bleiben. Morgen früh treffe ich mich mit dem Makler, der alles Weitere für mich übernimmt, und sobald alles geregelt ist, fahre ich zurück nach New York, wobei ich einen Zwischenstopp bei Tante Rose und Onkel Chris einlegen möchte. Sie wohnen ein Stück außerhalb der Stadt.
Mum ist letzte Woche beerdigt worden, und ich bin immer noch froh, dass ich nicht bei der Einäscherung dabei war. Chris und Rose haben alles gemanagt. Warum sie nicht den Hausverkauf übernommen haben, verstehe ich nicht. Von mir aus hätten sie auch das Geld behalten können. Ich will nichts von dem, was meiner Mutter gehört hat. Ich komme allein klar, verdiene längst mein eigenes Geld als Chemielabortechnikerin und bin von niemandem abhängig.
Oder … Haben sie vielleicht einen Grund gebraucht, damit ich einmal in ihre Nähe komme? Ständig haben sie mich in den letzten Jahren gefragt, ob ich sie nicht besuchen möchte.
Wo ist denn jetzt die verdammte Milch?
Als ich das Bimmeln des Glöckchens an der Ladentür vernehme, zucken meine Ohren unwillkürlich. Meine Instinkte scheinen in diesem Kaff besser zu funktionieren als in der lärmenden und stinkenden Großstadt. Oder ich ha