: Tom Clancy
: Gefahr im Verzug Thriller
: Heyne Verlag
: 9783641327835
: Jack Ryan
: 1
: CHF 18.00
:
: Krimis, Thriller, Spionage
: German
: 592
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Die tödlichste Bedrohung ist die, die wir nicht kommen sehen

Es geht um Leben und Tod, als Jack Ryan einen Hilferuf seines alten Freundes Pat West erhält: Dieser wird in Indonesien der Ketzerei verdächtigt und inhaftiert. Sofort beginnt er mit den Vorbereitungen für eine Rettungsmission. Doch sie können nicht auf offiziellem Weg gegen die indonesische Regierung vorgehen. Alle Hoffnung ruht auf dem Campus, der vor Ort nach einer Lösung sucht. Bleibt nur noch das Problem, vor dem Pat West in seiner Nachricht eigentlich gewarnt hat: Um seine eigene Festnahme macht er sich weniger Sorgen als um eine geheimnisvolle KI namens »Calliope«. Diese scheint über Indonesien in chinesische Hände gefallen zu sein. Die Macht des Programms stellt alles in den Schatten, was sich Jack Ryan und der Campus je hätten vorstellen können.

Tom Clancy, der Meister des Technothrillers, stand seit seinem ErstlingJagd auf Roter Oktober mit all seinen Romanen an der Spitze der internationalen Bestsellerlisten. Er starb im Oktober 2013.

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Wäre die junge Frau an der Bar eine Spur attraktiver gewesen, hätte Geoff Noonan eine Falle gewittert.

»Denk an deine Nummer.« Das sagten sie immer. Ja doch, er kannte seine Nummer auf der Attraktivitätsskala, und das hier würde schon irgendwie klappen.

Die Sicherheitsleute beneideten die anderen um ihre Reisen und ritten bei jedem Meeting auf Akronymen, fragwürdigen Statistiken und blödsinnigen Regeln wie diesem »Denk an deine Nummer«-Schwachsinn herum. Hämisch betonten diese Spaßbremsen, dass eine Fünf in Plymouth auch in Phuket oder Phnom Pen nur eine Fünf bleibe – wie im Übrigen auch überall sonst auf der Welt. Und sie erinnerten gern jeden daran, dass Achten und Neunen nie wie durch ein Wunder versuchten, mit einer Fünf anzubandeln. Niemals. War die Situation zu gut, um wahr zu sein, handelte es sich um eine Falle. Als Software-Ingenieur und -Entwickler war Noonan klug genug, um zu wissen, dass diese Primitivlinge recht hatten, jedenfalls meistens. Manchmal allerdings … Manchmal sprachen die Umstände dagegen. Manchmal war einer scharfen Frau gar nicht bewusst, dass sie eine scharfe Frau war, besonders wenn sie gerade scharf genug war.

Noonan beobachtete, wie die indonesische Schönheit an der Bar ihre Zehen um die Querstrebe des Hockers krümmte, so wie eine Katze mit der Schwanzspitze zuckte, um überschüssige Energie loszuwerden. Das war gut, zugegeben, aber nicht zu gut. Oder doch? Nein. Nicht so gut, wie wenn sie eine Acht oder so was wäre.

Die Magma Lounge des Hilton im indonesischen Bandung war mit überdimensionierten Ledersofas ausgestattet, die Menschen förmlich verschluckten, besonders wenn sie so kurze Beine hatten wie Noonan. Halb versunken zwischen den unglaublich weichen Polstern, dachte er weder an seine schwangere Frau und seine beiden Kinder noch an seinen Schwiegervater, einen Bundesrichter in Hartford. Eigentlich hätten ihn der Gefährlichkeitsgrad seines Tuns und die möglichen Folgen eines Seitensprungs veranlassen sollen, sich die Sache zweimal zu überlegen, nur kamen sie ihm gar nicht erst in den Sinn. Er dachte nur darüber nach, wie er zu gegebener Zeit aufstehen konnte, ohne dabei wie ein Volltrottel auszusehen.

Die Frau an der Bar sah für Noonans Geschmack gut genug aus, allerdings nicht so gut, dass bei ihm die Alarmglocken schrillten. Und hätten sie geschrillt, hätte er sie womöglich gar nicht gehört. Sein Seelsorger von der First Congregational Church in Beacon Hill hatte kürzlich bei einem Eheberatungsgespräch bemerkt, dass Geoff offenbar die Gabe abgehe, im Vorfeld einer moralischen Verfehlung, wie er es nannte, Schuldgefühle zu empfinden – jenes leichte Kribbeln im Nacken, das die meisten Menschen noch rechtzeitig von einem Fehltritt abhält. Noonan besaß durchaus ein Gewissen. Nur dauerte es immer eine Weile, bis es sich meldete. Ganz gleich, was er getan hatte, Augenblicke später versank er in Schuldgefühlen. Nur konnte er sich beim nächsten Mal offenbar nicht mehr daran erinnern, und diese Gedächtnisschwäche handelte ihm ständig Ärger ein.

Wieder fing er den Blick der Frau auf.

Im Moment sah der Ärger verdammt hübsch aus.

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