Kapitel 1
Ankunft auf der Insel
Eva stand, noch immer nach Atem ringend, am Strand. Sie war den ganzen Weg vom Anleger bis hierher, ans Ende der Welt, gerannt. Ihren Rucksack hatte sie einfach zurück gelassen, unachtsam im Stich gelassen. Was, wenn ihre wenige Habe inzwischen gestohlen war? Wenigstens ihre Papiere und ihr Geld hatte sie im kleinen Täschchen an ihrem Gürtel. Erleichtert nahm sie es fest in die Hände. Später würde sie noch einmal zum Hafen gehen müssen, um ihren Gepäckschein einzulösen.
Warum hatte sie sich denn nur so beeilt? Was war denn das wieder für ein Panikanfall gewesen? Ja, jetzt erinnerte sie sich an den Mann. Er hatte sie süffisant angelächelt und sich während der Überfahrt mehrmals in ihre Blickrichtung gestellt. Als er sich dann bei der Gepäckausgabe auch noch an sie heran gedrängelt und ihr vertraulich an die Schulter gefasst hatte, hatte sie vollends die Fassung verloren und war nur noch geflüchtet.
Sie müsste noch vieles lernen, sonst lief sie Gefahr, immer wieder gejagt zu werden. Und das wollte sie auf keinen Fall. Aber darüber würde sie sich später Gedanken machen können. Später, ach, daran wollte sie gar nicht denken.
Jetzt war sie erst einmal am Ende eines weiten Weges angekommen. Hier konnte sie nicht weiter, hier setzte ihr die Landschaft ein klares Stopp. Blinzelnd stand sie und die letzten Sonnenstrahlen erwärmten nicht nur ihren Körper, sondern auch ihr wild pochendes Herz.
₪
Was war nur mit ihnen geschehen? War es ihre Schuld gewesen, dass ihr Mann immer ungehaltener und brutaler geworden war? Wo war der geblieben, den sie im letzten Herbst geheiratet hatte?
Sie hatte sich immer mehr eingesperrt gefühlt, und der goldene Käfig, den er um sie baute, hatte immer mehr Gitterstäbe bekommen. Das goldene Armband mit den groben Kettengliedern, das er ihr zu Weihnachten als Überraschung ums Handgelenk gelegt hatte, hatte ihr für einen Moment den Atem genommen und die Vorahnung der Gefangenschaft noch verstärkt. Es wäre nur noch eine Frage der Zeit gewesen und er hätte sie ganz in der Hand gehabt.
Deshalb hatte sie auch Angst vor einer Schwangerschaft bekommen und heimlich Verhütungsmaßnahmen ergriffen