: Rogers Brubaker
: Peter Schneider
: Trans Gender und Race in einer Zeit unsicherer Identitäten
: Edition Patrick Frey
: 9783907236529
: EPF Essays
: 1
: CHF 8.80
:
: Frauen- und Geschlechterforschung
: German
: 326
: kein Kopierschutz
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
2015, kurz nachdem sich Caitlyn Jenner zu ihrer Identität als Transgender bekannt hatte, wurde Rachel Dolezal, Präsidentin einer Ortsgruppe der National Association for the Advancement of Colored People (NAACP), durch ihre Eltern als weiss «geoutet». Darauf entbrannte in den Medien eine Debatte über die Fluidität von gender und race. Wenn Jenner sich rechtmässig als Frau identifizieren konnte, konnte sich Dolezal nicht ebenso als schwarz identifizieren? Obwohl sex im Unterschied zu race eine biologische Fundierung hat, findet die Wahl bzw. Änderung von sex oder gender paradoxerweise eine grössere Akzeptanz als die Wahl oder Änderung der race. Während Dolezals Behauptung, sie sei schwarz, von wenigen akzeptiert wurde, verstärkt sich die Fluidität von Race-Identitäten in dem Masse, wie die Abstammung - zunehmend als gemischt verstanden - ihre Vorherrschaft über Identität verliert und race und ethnicity wie auch gender als etwas gesehen werden, was wir tun, und nicht als etwas, was wir haben. Indem er race und ethnicity durch die Linse der Transgender-Erfahrung neu betrachtet - nicht nur als eine Bewegung von einer Kategorie zur anderen, sondern auch als Position zwischen und jenseits von bestehenden Kategorien -, unterstreicht Brubaker die Formbarkeit, Kontingenz und Beliebigkeit der Kategorien von race. Ausgehend von der kontroversen Koppelung von «transgender» und «transracial», zeigt Rogers Brubaker, wie gender und race, die während langer Zeit als stabil, angeboren und unzweideutig verstanden werden, in den letzten Jahrzehnten - auf unterschiedliche Art und in unterschiedlichem Ausmass - als wandelbar und einer Wahl zugänglich betrachtet werden. Transgender-Identitäten haben sich in schwindelerregendem Tempo von der Peripherie in den Mainstream bewegt, und Grenzen der Ethnizität und der race wurden unscharf.

Rogers Brubaker ist Professor für Soziologie und UCLA Foundation Chair an der University of California, Los Angeles (UCLA).

Vorwort des Herausgebers — Identity Wars


Come writers and critics

Who prophesize with your pen

And keep your eyes wide

The chance won’t come again

And don’t speak too soon

For the wheel’s still in spin.

Bob Dylan: The Times They Are A-Changin’

1. In einem Gespräch mit Julie Bindel im britischen Online-Magazin Unherd vom 26. November 2021 sagt Janice Raymond über sich selbst, sie sei mit der Veröffentlichung ihres Buches The Transsexual Empire: The Making of the She-Male 1979 wahrscheinlich die erste «Terf» gewesen.1 Das Akronym Terf steht für «trans-exclusionary radical feminist». Tatsächlich taucht dieser Begriff erst etwa dreissig Jahre später auf, einigermassen geläufig dürfte er in den letzten Jahren geworden sein, als die Harry-Potter-Autorin J. K. Rowling sich zunächst in launigen Tweets über die Rede von «Menschen, die menstruieren» lustig machte und schliesslich im Verlaufe einer in den sozialen Medien hitzig geführten Debatte über den biologischen Status von Transfrauen zu einer der Ikonen im Gender-critical-Diskurs wurde.2 Spätestens seit 2020 ist die Diskussion über den ontologischen Status (der von dengender critics in der Regel mit dem biologischen Status gleichgesetzt wird) ein Dauerthema in der Presse. Vor dem Hintergrund von Gesetzesänderungen in einigen Ländern wie Deutschland, Schweden und der Schweiz, die eine Änderung des Geschlechts auch ohne psychiatrische Behandlung, Sterilisation, Operation oder Hormonbehandlung gestattet. Die Kritik an dieser neuen Legislation lässt sich in der rhetorischen FrageKann man durch einen blossen Sprechakt sein Geschlecht ändern? zusammenfassen.3

Diese Diskussion ist zu einer Auseinandersetzung über Realismus / Naturalismus und Kon-struktivismus, (Natur-)Wissenschaft und postmoderne Ideologie, Biologie und Gendertheorie, Sozial- vs. Identitätspolitik, Wahrheit und Fake … (you name it) geworden.4

2. Gehen wir zurück zu Janice Raymonds BuchThe Transsexual Empire von 1979.5 Das Buch entstand aus ihrer Dissertation am Boston College 1977; Raymond widmete es ihrer Doktormutter Mary Daly, einer der bekanntesten Vertreterinnen einer radikal feministischen Theologie. Die ersten Ideen zum Buch, so Raymond, habe sie 1972 in einemconference paper an einer Tagung der New England Regional American Academy of Religion vorgestellt.The Transsexual Empire ist ein Kind der 1970er-Jahre. Im Zeitgeist der 70er-Jahre wird es auch rezipiert: nicht als Anti-Trans-Manifest, sondern als Kampfschrift gegen den «medizinisch-institutionellen Komplex», der die sexistischen gesellschaftlichen Bedingungen in Transsexualismus «übersetzt».6 Es ist ein klassisches psychiatrie- und gesellschaftskritisches Argument: Nicht der psychiatrische Patient ist krank; er ist vielmehr der Symptomträger einer kranken Gesellschaft.7 Was Raymond darüber hinaus sagt: She-Males sind die Geschöpfe männlicher Frankensteins, die Transfrau ist eine Schöpfung der Frau durch den Mann.

Im Sinne der Gesellschaftskritik – und nicht als Information über die Situation transsexueller Menschen – wird das Buch auch in derNew York Times von Thomas Szasz rezensiert;8 wenngleich es bei der heutigen Lektüre schwierig ist, all die gehässigen Sticheleien zu überlesen, die einem aus der heutigenGenderkritik so geläufig sind.

Szasz schreibt:

Was die transsexuelle Chirurgie zu einer männlich-suprematistischen Obszönität macht, ist die Tatsache, dass transsexuelle Chirurgen die Operation nicht bei allen Kunden durchführen (nur wegen des Geldes), sondern darauf bestehen, dass der Kunde beweist, dass er als Frau «durchgehen» kann. Das ist so, als ob katholische Priester nur solche Juden bekehren wollten, die ihr Christentum durch gesellschaftlich a