: Gesa Schröder
: Flussaufwärts durch die Zeit
: Kulturmaschinen Verlag
: 9783967633153
: 1
: CHF 5.40
:
: Gegenwartsliteratur (ab 1945)
: German
: 296
: kein Kopierschutz
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Die 69-jährige Dorothea erhält Anfang der 1990er Jahre die Diagnose Bauchspeicheldrüsenkrebs und erfährt, dass sie in einem Jahr sterben wird. Nach einem Leben voller Opfer und enttäuschter Glückserwartungen versucht sie, den bevorstehenden Tod durch eine Reise in die Vergangenheit zu verarbeiten. Sie macht sich auf die Suche nach einer verlorenen Liebe, einem tschechischen Kriegsgefangenen, der auf ihrem Bauernhof gearbeitet hat. Mit ihrer Tochter, der 40-jährigen Reiseführerin Johanna, reist sie entlang der Elbe, von Hamburg bis zur Quelle im tschechischen Riesengebirge, der Heimat des Kriegsgefangenen. Dabei wird in Rückblenden ihr Leben von den 20er bis zu den 80er Jahren wachgerufen.

– 1 –

Es war kalt und doch sonnig. Der Doppeldecker-Bus hatte das Verdeck oben offen, damit die Touristen die Sonne genießen konnten und eine bessere Aussicht hatten. Die Mittagstour war trotzdem nur schwach belegt. Ich schaffte es noch, eine italienische Familie in den Bus zu locken, dann fuhren wir ab. Der Fahrer war nicht sonderlich zufrieden. Das merkte ich sofort. Wenig Fahrgäste hieß wenig Trinkgeld. Ob er der Uhrzeit die Schuld gab oder mir, das konnte ich nicht erkennen.

Wir fuhren los, ich ging nach oben, nahm das Mikrofon und begrüßte die Gäste. »Unsere Hop-on-Hop-off-Busse fahren stündlich. Sie können an jeder Haltestelle aussteigen, eine Pause machen und mit dem nächsten Bus weiterfahren.«

Das gefiel den Gästen und viele stiegen an der Außenalster wieder aus. Wir fuhren in Richtung Binnenhafen und Zollkanal. Ich nutzte eine rote Ampel, um mit gespieltem Stolz zu erzählen, dass Hamburg mehr Brücken hat als Venedig. Einige nickten, das schienen sie schon oft gehört zu haben. Aber unser Chef wollte, dass wir es immer wieder sagten. Ich zeigte ihnen die lange Reihe der hoch aufragenden historischen Speicher in rotem Backstein. Speicher für Teppiche, Gewürze, Kaffee und Tee, die im Hamburger Freihafen seit Jahrhunderten umgeschlagen werden. Ich wollte ihnen die verschiedenen Gerüche nahebringen, aber der Bus fuhr mal wieder zu schnell.

»Ist das der Dom?« fragte eine ältere Dame hinter mir. »Mein Enkel möchte aufs Riesenrad! Das soll es am Dom geben.« Ich drehte mich um. Die Frau trug einen weißen Strohhut und sah aus wie meine Mutter.

Ich schluckte und sagte dann schnell: »Die Speicher sind tatsächlich fast so schön wie eine gotische Kirche. Aber der Dom, den Sie meinen, der mit dem Riesenrad, ist ein Jahrmarkt und findet auf dem Heiligengeistfeld statt.« Einige Gäste sahen mich verwundert an. Wie sollte ich Perserteppiche, den abgerissenen katholischen Dom, den Heiligen Geist und das Riesenrad so schnell unter einen Hut bekommen? Der Bus bog schon ab.

Die ältere Dame, die aussah wie meine Mutter, legte mir die Hand auf die Schulter und sagte: »Ich habe verstanden.«

Ich hatte ein schlechtes Gewissen. Meine Mutter hatte mich gestern Abend angerufen. Und ich wollte sie zurückrufen. Das hatte ich völlig vergessen.

Nun schaffte ich es nicht mehr, auf die links gelegene Katharinenkirche und auf ihr trauriges Schicksal nach dem Bau der Speicherstadt und der Errichtung des Freihafens hinzuweisen. Auch dass Bach einmal auf ihrer berühmten Orgel gespielt hatte und dass die goldene Kirchturmkrone angeblich aus dem Goldschatz des berühmten Seeräubers Störtebeker stammte, konnte ich nicht mehr loswerden. Dabei hätte das dem Enkel der alten Dame sicher gefallen. Und mir.

Meine Mutter rief immer im falschen Moment an.

Die italienische Familie sah geschlossen aus dem linken Fenster zur Katharinen-Kirche. Denn sie hatten den Audioguide in italienisc