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Vier Stunden zuvor hatte sich am anderen Ende des Orts mit den ersten noch schwachen Sonnenstrahlen auf dem grünen Deich inmitten der Schafe allmählich eine bunte Gruppe aus gelben Öljacken versammelt, mit Mützen in allen Farben, roten und blauen Gummistiefeln, viele aber auch barfuß mit aufgekrempelten Jeans. Die Wattführerin Telse sah sie sofort, als sie über die Deichkrone kam.
Die Sonne, die kurz zuvor noch rot war und sich im Watt spiegelte, wurde von Minute zu Minute stärker, heller, gelber, höher.
Immer mehr Gesichter versteckten sich hinter Sonnenbrillen, als Telse den Deich hinunter schlenderte, mit dem obligatorischen Rucksack, einem Klappspaten und einem Kescher in der Hand.
Die versammelten Frauen schienen sich zu freuen, dass eine Frau sie die nächsten Stunden in das weite Watt führen würden. Die anwesenden Männer lächelten zaghaft. Der eine oder andere fragte sich sicher, ob eine Frau wirklich für ihre Sicherheit sorgen könnte. Das kannte Telse schon. Das Wasser war weit weg, es war Ebbe, aber alle wussten, wie schnell es bei Flut zurückkehren würde.
Die geplante Wattwanderung war anspruchsvoll, gute drei Stunden hin, der Rückweg dauerte oft etwas länger. Und das alles im Rhythmus der Gezeiten, d.h. sie mussten rechtzeitig vor der Flut zurück sein.
»Guten Morgen«, sagte sie mit strahlendem Lächeln und frischem Ton. »Ich bin Telse, Ihre Wattführerin«. Das Lächeln entwaffnete dann doch einige besorgte Männerherzen. »Oder eure Wattführerin, normalerweise duzen wir uns hier, im Watt, vor allem wenn wir mehrere Stunden miteinander verbringen und wahrscheinlich keine anderen Lebewesen treffen werden, abgesehen natürlich von Möwen, Austernfischern, Krabben, Muscheln, Wattwürmern, Quallen, vielleicht ein paar jungen Plattfischen, und wenn wir Glück haben, sehen wir vielleicht auch einen Seehund oder einen Katzenhai.«
Bei dem Wort Hai erstarb auf einigen Gesichtern das Lächeln.
»Keine Angst«, lachte Telse, »wir gehen ja auf dem Watt. Die Katzenhaie und andere gefährliche Tiere sind nur in den Prielen.«
»Was ist ein Priel?«, kreischte eine junge Stimme dazwischen. Telse sah sich um. Sie sah sich das Mädchen an, überlegte, wie alt sie wohl war und ob sie die lange Wanderung durchhalten würde.
»Alles in Ordnung«, sagte der Mann neben ihr, »das ist meine Tochter Levke, sie hat heute Geburtstag, ist gerade 13 geworden. Die Wanderung ist ihr Geburtstagsgeschenk. Sie will Biologin werden.«
»Aha«, sagte Telse. »Herzlichen Glückwunsch. Gute Frage! Was ist ein Priel? Damit fangen wir gleich an. Da unten seht ihr schon einen.« Sie zeigte auf einen kleinen gekrümmten Wasserlauf, der eher einer Pfütze ähnelte.
Die Gruppe hatte sich an der Steinkante versammelt, während Telse ein paar herum liegende Bierflaschen aufhob und sie in den Mülleimer warf.
»Auf den ersten Blick sieht man es nicht