: Gudrun Leyendecker
: Aber ich liebe dich Unchained Melody
: Books on Demand
: 9783759700308
: 1
: CHF 6.60
:
: Fantasy
: German
: 360
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Die junge Melody lebt am Rand der Stadt in einer Wasserburg, die in einem märchenhaften Naturpark liegt. Sie träumt von einem Leben in Freiheit und von einem liebevollen Partner. In das Pförtnerhaus ist gerade Chili eingezogen, der das Leben von einer humorvollen Seite betrachtet und stets zu Scherzen aufgelegt ist. Über die Ordnung im Anwesen wacht Professor Sterntaler, der Melodys Alltag mit vielen Regeln behaftet. Gibt es eine Möglichkeit, in ein Leben ohne Einschränkung und voller Glück zu entfliehen?

Gudrun Leyendecker ist seit 1995 Buchautorin. Sie wurde 1948 in Bonn geboren. Siehe Wikipedia. Sie veröffentlichte bisher circa 95 Bücher, unter anderem Sachbücher, Kriminalromane, Liebesromane, und Satire. Leyendecker schreibt auch als Ghostwriterin für namhafte Regisseure. Sie ist Mitglied in schriftstellerischen Verbänden und in einem italienischen Kulturverein. Erfahrungen für ihre Tätigkeit sammelte sie auch in ihrer Jahrzehntelangen Tätigkeit als Lebensberaterin.

Vor den meterhohen Sonnenblumen leuchten die himmelblauen Vergissmeinnichte, die sich um Bartnelken und Löwenmäulchen gruppieren. Dazwischen drängen sich mehrere Löwenzahn-Pflanzen und eine lange Ackerwinde, die sich am Zaun emporrankt.

Melody streicht sich die Haare aus der Stirn. „Ist das eine Hitze! Ein Plätzchen im Schatten wäre jetzt optimal.“

„Lass das Unkraut doch einfach wachsen!“ schlägt Chili vor. „Dann freuen sich die Insekten, und du hast doppelt so viele Schmetterlinge wie im Augenblick.“

Sie seufzt. „Der Schlossherr hat leider bestimmt, dass dieses Stück Garten wie ein gepflegtes Beet behandelt werden soll. Professor Sterntaler wäre bei diesem Thema auf deiner Seite, die Natur sieht er auch am liebsten unbelassen.“

„Don Camisi ist weit weg. Im Augenblick brauchst du ihn nicht zu fürchten. Wir könnten zum Brunnen gehen, dort ist es schattig und kühl.“

Sie legt die kleine Harke beiseite. „Hast du deine Gitarre mit?“

„Nein, sie hängt in meinem Zimmer an der Wand. Soll ich sie holen?“

„Nein, lass nur! Ich will ja nur eine kleine Pause machen, bis die Sonne hinter der dicken Wolke da oben verschwunden ist.“

„Ich habe übrigens einen neuen Song geschrieben“, verrät ihr Chili. „Soll ich ihn dir einmal vorsummen?“

Melody setzt sich ins Gras. „Ich bin schon ganz gespannt. Du hast mir so viel von deinen Kompositionen vorgeschwärmt, da bin ich richtig neugierig.“

Er stellt sich vor sie hin und summt ein paar Töne, die sich zu einer einschmeichelnden Melodie aneinanderreihen.

„Aber es ist traurig“, findet die junge Frau und sieht den Jungen erstaunt an.

„Es ist ja auch ein Abschiedslied“, erklärt er fröhlich.

„Und für wen ist es gedacht? Wem

trauerst du nach?“

„Dem glücklichen Tag von gestern, ich lasse ihn ziehen.“

Melody staunt. „War denn da etwas Besonderes? Hast du etwas Außergewöhnliches erlebt?“

„Mir ging es gut, ich war gesund und hatte alles, was ich zum Leben brauche. Das ist nicht selbstverständlich. Und es gab noch nicht einmal Menschen, über die ich mich geärgert habe.“

„Du warst ja auch allein im Pförtnerhäuschen und hast dich von deiner langen Reise ausgeruht. Bis auf deinen alten Onkel hast du niemanden gesehen.“

„Eben, und dass ist schon ein Geschenk. James ist ein sehr liebenswürdiger Mensch, allgemein sagt man von ihm, er sei sehr umgänglich. So spricht man häufig von den Leuten, die man gut gängeln kann.“

Melody horcht auf. „Fühlt er sich denn hier nicht wohl? Bisher hatte ich den Eindruck, dass er sich sehr gut mit Professor Sterntaler versteht.“

„Die beiden wissen, was sie aneinander haben. Einer braucht den anderen, das ist eine gute Symbiose. Sie waren gestern noch bis weit nach Mitternacht gemeinsam im Labor.“

„Schade, dass ich nicht weiß, was die beiden da drinnen treiben“, bedauert sie und blickt in die dunkle Wolke, die soeben die Sonne verfinstert.

„Es sind medizinische Forschungen“, weiß Chili. „Wenn ich mehr darüber herausfinde, kann ich dir gern darüber berichten. Natürlich nur, wenn es dich interessiert.“

„Da fragst du noch?! Ich habe schon versucht, hinter den verschlossenen Türen zu horchen, aber es ist alles schalldicht.“

Er beginnt, ein fröhliches Lied zu summen, pfeift zwischendurch wie ein Vogel.

Sie hört aufmerksam zu „Was ist das jetzt wieder für ein Lied? Es klingt ausgesprochen heiter und vergnügt.“

„Ich freue mich über den heutigen Tag. Gute Tage sind wie ein warmer Sommerregen, da sprießen die Gedanken und Melodien.“

In diesem Augenblick erscheint ein großer älterer Mann mit grauen langen Haaren. Er blickt Melody ernst an. „Bist du noch nicht fertig mit dem Unkraut hier? Es ist schon spät, und ich habe eine neue Aufgabe für dich.“

„Entschuldige bitte, aber es war so furchtbar heiß. Ich habe mir eine kleine Pause gemacht.“

„Du solltest dir einen Hut ansehen, dann kann dir die Sonne nichts anhaben. Der Mensch braucht Licht und Luft und Sonne, all diese Einflüsse sind wichtig für einen gesunden Menschen.“

„Ich werde jetzt sofort weitermachen“, verspricht sie. „Und ich beeilte mich. Dann kann ich in einer halben Stunde fertig sein.“

„Wahrscheinlich hast du dich von Chili ablenken lassen“, vermutet er. „Vielleicht ist es besser, wenn du allein weiter machst.“

Melody seufzt leise. „Er hat überhaupt nicht gestört, im Gegenteil, Chili hat mir sogar geholfen. Es war wirklich sehr viel zu tun, und allein hätte ich es heute gar nicht mehr geschafft.“

„Ich nehme an, dass er sicher etwas Besseres zu tun hat. Unkraut jäten ist nichts für einen Jungen in dem Alter.“

„Ich habe gern geholfen“, verteidigt sich Chili. „James braucht mich im Moment nicht und hat mir frei gegeben. Mein Onkel hat sich gerade ein bisschen hingelegt, das tut er immer in der Mittagszeit. So hat er es mir jedenfalls bei meiner Ankunft mitgeteilt. In den letzten sieben Tagen fand ich ihn jeden Nachmittag schlafend vor, er ist eben nicht mehr der Jüngste.“

„Unsere Arbeit im Labor ist sehr anstrengend, sie verlangt alles von uns ab. Aber wir sind uns auch im Klaren darüber, wie wichtig sie für die Menschheit ist.“

„Onkel James hat mir verraten, dass es um den medizinischen Bereich geht. Kein Wunder, dass Sie dann schnell vorankommen möchten. Obwohl ich erst sechzehn Jahre alt bin, konnte ich doch bisher schon allerlei von der Welt sehen und viele Erfahrungen sammeln. Wenn Sie mich einmal für unbedeutendere Arbeiten brauchen, können Sie mir gern Bescheid geben“, bietet er dem Professor an.

„Bei uns gibt es keine unbedeutenden Arbeiten“, erklärt Sterntaler und verleiht seiner Stimme stärkeren Ausdruck. „Es geht um die bedeutendsten Entwicklungen der Menschheit.“

Chili sieht ihn fröhlich an. „Und darüber dürfen Sie wirklich nichts verraten? Vielleicht könnte man den Menschen jetzt schon Hoffnung machen, und Vorfreude ist immer etwas ganz Besonderes.“

Der Professor lässt sich nicht provozieren. „Zunächst einmal müssen wir uns auf die Arbeit konzentrieren. Ohne Fleiß erwirbt man keinen Preis. Und jetzt ruft mich die Pflicht.“

*

Lina, die Haushälterin, eine ältere Frau mit einer fülligen Figur, erscheint in der Bibliothek.

„Jetzt mach aber endlich mal Pause, Kindchen!“ fordert sie Melody auf. „Du sitzt jetzt hier schon drei Stunden am Schreibtisch und verdirbst dir die Augen.“

„Das muss ich doch“, antwortete die junge Frau seufzend. „Ich muss hier die ganzen lateinischen Formeln, die auf den Notizzetteln stehen, in den Computer eintragen. Das ist ziemlich schwierig, ich muss doch alles mehrfach kontrollieren, damit alles fehlerlos notiert werden kann.“

„Aber deswegen kannst du doch mal eine Pause machen!“

„Das geht eben nicht. Nur der Professor kennt das Code-Wort. Er hat den Server hochgefahren und wird ihn auch wieder herunterfahren, wenn ich fertig bin. Vorher darf ich diesen Raum nicht verlassen. Du weißt ja, dass hier drinnen Handys verboten sind.“

„Diese Geheimniskrämerei!“ schimpft Lina. „Wenn diese Forschung für den guten Zweck ist, muss sie doch nicht geheim bleiben. Überall protzt man damit, wenn ein neues Medikament in Entwicklung ist. Und du bist schließlich schon seit deinem ersten Lebensjahr unter den Fittichen des Professors. Wenn er einem Menschen vertrauen könnte, dann doch auf jeden Fall dir.“

Melody nickt. „Ich bin fast wie seine Tochter. Aber ich finde schon, dass er extrem streng zu mir ist.“

Die ältere Dame überlegt. „Vielleicht ist er gerade deswegen so streng, weil er sich wie ein Vater fühlt. Deine Augen sehen schon ganz müde aus. Kannst du dich wenigstens nach dieser Arbeit ausruhen?“

„Naja, ausruhen wäre zu viel gesagt. Er hat mir ein Geschichtsbuch hingelegt und mir aufgetragen, einige Kapitel darin zu lesen.“

„Das werde ich nicht zulassen“, empört sich Lina. „Wenn du hier am Computer fertig bist, musst du erst einmal etwas essen. Ich habe eine schöne Gemüsesuppe gekocht, die wir dir guttun und ist auch nicht schwer verdaulich.“

„Du bist ein Engel! Ich freue mich schon darauf. Wie sieht es denn mit dem Professor aus? Hat er schon gegessen?“

„Nein, du kennst ihn ja. Er isst erst abends spät, wenn er glaubt, mit der Arbeit fertig zu sein. Das ist auch nicht gut für den Magen. Ich sage ihm das jeden Tag, aber er hört nicht auf mich.“

Melody stöhnt. „Er hört...