Eine Zungengymnastik für die Genderdebatte
Wir gehen meistens davon aus, dass es weder eine weibliche noch eine männliche Zunge gibt. Selbst ein Zungenpiercing gendert nicht die Zunge, im Unterschied zu den Ohren, deren Schmuck in Europa und Asien lange als weiblich galt, oder zu den Lippen, die heute noch hauptsächlich bei Frauen angemalt werden. Kein anderes Organ ist so genderneutral und gleichzeitig so erotisch konnotiert wie die Zunge.
Die nackte, feuchte Oberfläche der Zunge erinnert an die der inneren Organe wie die der Lunge oder des Magens, die meistens im intimen Innenraum des Körpers verborgen bleiben. Aber die Zunge zeigt sich schamlos, zumindest versuchen wir nicht, sie zu verstecken. Die vor dem Mund wie eine Sperre vorgehaltene Hand symbolisiert heutzutage sogar eine Unterdrückung der Pressefreiheit. Besser ist es, dem Diktator die Zunge rauszustrecken als den Mund zu halten.
Gehört aber das blutig rote, feuchte Organ zu unserem inneren Leben oder doch zum äußeren?
Dass der Wunsch nach einem Geschlechtswandel heutzutage nicht allein mit Hilfe von Schminke, Schmuck, Frisur oder Kleidung vollzogen wird, sondern relativ schnell eine Hormontherapie oder eine geschlechtsangleichende Operation ins Visier nimmt, lässt sich nicht nur auf die Entwicklung der Medizin zurückführen. Ich beobachte eine Verschiebung der Wahrnehmung, besonders der Grenze zwischen dem Innenraum und dem Außenraum des eigenen Körpers. Der Wunsch nach einer Transformation entsteht aus dem Unwohlsein aufgrund einer Unstimmigkeit zwischen dem Inneren und dem Äußeren. Das „Äußere“ besteht aus unendlichen Schichten wie bei einer Zwiebel. In der Psychoanalyse besteht das Innere aus verdrängten Erinnerungen, und das Äußere wäre deren Äußerungen durch Symptome oder Träume. Im Feminismus ist die äußere Welt die patriarchalische Gesellschaft, in der jüngsten Bewegung des Geschlecherwandels der eigene „falsche“ Körper, der verändert werden muss/kann.
Das Sinnbild „in einem falschen Körper geboren zu sein“ hat sich rasant verbreitet in den letzten Jahrzehnten. Fast jeder Dokumentarfilm über Transpersonen verwendet dieses Sprachbild. (Das Wort „trans“ sollte eigentlich ein Adjektiv sein, das wegen seiner fremdländischen Herkunft nicht dekliniert wird. Jedoch kann ein Mensch wie ich, der den Ausdruck „lila Blume“ stilistisch befremdlich findet und deshalb immer „lilafarbige Blume“ sagt, die Lücke zwischen „trans“ und „Person“ nicht ertragen und benutzt das mittlerweile verbreitete Wort „Transperson“. Viele grammatikalisch inkorrekten Wörter haben im Laufe der Jahre Staatsbürgerschaft bekommen. Das Gleiche gilt für das Wort „Transfrau“ und „Transmann“.) Mag sein, dass das Sprachbild der Mehrheit zugänglich ist, denn das Gefühl, in einem „falschen“ Körper zu leben, kennen viele Menschen. Er sei zu füllig, zu alt oder zu unauffällig. Und jeder Mensch darf/muss ihn korrigieren. In einer Selbstoptimierungsgesellschaft muss auch der Körper in Richtung eines Ideals bearbeitet werden. Die Korrektur des falschen Körpers belebt die Wirtschaft. Ich gehe auf eine Einkaufsstraße in meiner Nachbarschaft und wundere mich darüber, dass das meistverkaufte Produkt „Selbstoptimierung“ heißt: Modeladen, Fitness-Studio, Friseur, Apotheke, Nagelstudio, Yoga, Sonnenstudio, Coaching.
Es gibt hier und dort auch einen Werbespot, in dem verschiedenst geformte Körper präsentiert werden. Ich verstehe die gute Absicht, Vielfalt akzeptieren und ihre Schönhei