KAPITEL 1
Meine Haare sind triefend nass, die Regentropfen laufen bereits über mein Gesicht. Der Nebel hat alles verschlungen, die Bucht ist kaum sichtbar. Da ist nur das laute Prasseln des Regens aufs Meer. Von meinen Händen tropft Motoröl und vermischt sich mit Wasser zu einer erdfarbenen Flüssigkeit. Verdammt noch mal. Auch das noch! Ich hasse es, schmutzig zu sein. Ich hasse es, wenn die Dinge ins Stocken geraten. Eine Stimme links von mir stört meinen Wutgedanken.
»Moin. Brauchen Sie Hilfe?« Unter einer Kappe mit der weißen SchriftBerlin sehe ich dunkle kastanienbraune Augen, deren freundlicher Blick auf mich gerichtet ist.
»Nein, danke!« Meine Ablehnung kommt wie aus der Pistole geschossen. »Ich komme zurecht.«
Der Mann erwidert nichts, das irritiert mich. Ich habe erwartet, dass er so was wie »na, gut, wie Sie möchten« sagt und mit dem Sturm verschwindet.
Ich schwanke zwischen Wut und Ärger. Noch einer, der mit mir flirten möchte. So eine Hilfe kann ich nicht gebrauchen. Der Mann ist noch da. Ein leichtes Lachen ist auf seinen Lippen zu sehen. Er dreht sich um und schlägt die Richtung zum Eingang des Stegs ein, wo eine große Tafel mit dem BuchstabenF steht.
»Warten Sie! Doch, ich nehme Ihre Hilfe an. Mein Motor ist kaputt und morgen früh muss ich fahren«, rufe ich ihm nach. Allmählich kann ich klarer denken, bin aber immer noch sauer. Auf mich. Auf den Sturm und den kaputten Motor.
»Wie Sie möchten, mein Boot ist da.« Er zeigt zu einem Boot mit dunkelblauem Segel, und ich erkenne die deutsche und die dänische Flagge. Er macht ein paar Schritte zu seinem Boot und ich folge ihm. Der Mann wirkt gepflegt und sportlich. Er springt leichtfüßig ins Boot. »Wissen Sie, mein Auto ist in der Nähe. Ich kenne auch einen Werkstattbesitzer, der Motorteile hat. Wenn Sie möchten, kann ich Sie mitnehmen.« Seine einladende Stimme klingt sicher.
Ich gehe ein paar Schritte zu seinem Boot. Er ist stehen geblieben und mustert mich erneut. »Ich beeile mich«, sage ich, drehe mich um und laufe zu meinem Boot, um meine Tasche und die Regenjacke zu holen. Ein paar Minuten später sitze ich in seinem Auto.
Er fährt die Straße parallel zum Wasser entlang.
Ich fühle mich unbehaglich. Von meiner Regenjacke und den Haaren tropft es. »Normalerweise bin ich nicht so. Ich habe gedacht, ich schaffe es allein.« Meine Worte klingen wie die Entschuldigung eines Kindes.
»Meine Frau wird sich bestimmt freuen, wenn Sie mit uns eine Tasse Tee trinken. Übrigens, ich bin Paul.« Obwohl er mir nicht die Hand reichen kann während des Fahrens, spüre ich Wärme in seiner Stimme.
»Krista. Angenehm«, sage ich leise.
»Kommen Sie, Krista, wir sind da.«
Paul parkt vor einem hölzernen Gartentor. Die Rosenstöcke mit rosa und gelben Blüten zu beiden Seiten des Tors wirkend einladend. Der Zaun schaut wie ein Netz aus vielen Rauten aus, die nach oben zeigen. Ich habe das Gefühl, eine andere Welt zu betreten.
Er nimmt seine Tasche und eine grüne Regenjacke aus dem Auto, öffnet das Tor und geht auf das Haus zu, das sich hinter Zypressen versteckt. Der schmale Weg ist mit flachen Steinen bedeckt, und in mir wächst der Wunsch, mich umzudrehen und wegzurennen. Ich bemerke, dass Paul auf mich wartet und meine Schritte mit den Augen verfolgt.
Hat er meine Unsicherheit bemerkt? Weiß er, was in meinem Kopf vorgeht? Oder ist er nur ein höflicher, freundlicher Gastgeber?
Das Gebäude erinnert mich an das Haus, in dem ich meine Kindheit verbracht habe. Ich schüttle den Kopf, um die Erinnerungen loszuwerden. Die Hausfassade ist weiß, die Fenster sind blau gestrichen.
Paul bittet mich in einen großen Raum, der als Korridor und Wohnzimmer dienen könnte. An den Wänden hängen Bilder, die einen gemeinsamen Nenner haben - Wasser. Überall ist Wasser zu sehen. Ich habe das Gefühl, wenn ich noch mehr Wasser sehe, werde ich ertrinken.
Eine Frau mit kurz geschnittenen blonden Haaren lächelt mich an. Ihre blauen Augen mustern mich. Bevor sie etwas sagt, nähert sich Paul.
»Das ist meine wunderschöne Frau Elena«, sagt er. Dann blickt er zu mir. »Das ist Krista. Ihr Bootsmotor ist kaputt. Wir trinken jetzt Tee und danach kann sie den Bootsbauer anrufen, um die passenden Ersatzteile zu besorgen.«
Mir fällt ein bunter Teppich auf, der fast die gleichen Rauten wie der Zaun hat. Nur kunterbunt, irgendwie mexikanisch oder orientalisch. Paul zeigt mit einladender Handbewegung auf eine Sitzgruppe aus einem Sofa und drei Sesseln in Hellblau. Die Innenausstattung des Raumes ist klar, wirkt recht gemütlich. Die Sitzkissen sind in Blau gehalten - hell, dunkel, türkis, königsblau, rauchblau. Es gibt auch Kissen in Schwarz und Weiß, wohl, um etwas Abwechslung hineinzubringen. Wenn mir alles zu viel ist, konzentriere ich mich auf die Details, die mir begegnen. Ich mache das immer so. Eine Freundin von mir meinte, so könne ich zumindest präsent sein.
Typisch skandinavische Einrichtung, denke ich und setze mich auf dem Sofa zwischen ein türkisfarbenes und ein schwarzes Kissen. Ein weiteres Kissen, das meine linke Hand ertastet, nehme ich und halte es vor mich wie ein Schutzschild in Schwarz.
Elena verschwindet in der Küche, um Tee zu bereiten.
»Möchtest du Wasser?«, fragt Paul und schaut mich so an, als wisse er, was mit mir gerade los ist. »Ich hoffe, es ist in Ordnung, wenn wir uns duzen?«, möchte er sich versichern.
»Ja, bitte«, flüstere ich in der Hoffnung, dass nur er mich hört. Er wird an meiner Stimme merken, wie angespannt ich bin.
Paul geht in die Küche, um ein Glas Wasser zu holen. Um mich abzulenken, betrachte ich die Bilder, Kunstgegenstände und Fotos, die auf einer weißen Kommode auf ihre Bewunderer warten. Die meisten sind aus Holz und schwarzem Stein. Paul und seine Frau müssen sehr viel in der Welt herumgekommen sein, denke ich. Dann richtet sich mein Blick auf das Bild einer Frau am Strand. Es zieht mich in den Bann. Die Frau trägt ein hellgrünes Kleid, das sich durch die Meeresbrise bauscht, was mir gefällt. Die schöne Unbekannte trägt eine kleine rosa Handtasche und einen weißen Hut. Eleganz und Stil der Frau rauben mir den Atem. Jetzt bemerke ich den Fels unter ihren Füßen. In der Ferne sehe ich auf dem Meer ein kleines Boot.
»›Die wartende Schönheit‹, nenne ich das Bild«, sagt Paul hinter mir.
»Ist es nicht fantastisch?« Er hat meinen bewundernden Blick bemerkt. »Elena hat sich und ihre Heimat Dänemark gemalt. Sie liebt das Meer, wie wir alle.« Er stellt das Glas auf den Tisch und gesellt sich zu mir. »Weißt du, Krista, was wirklich im Leben wichtig ist, bleibt manchen Menschen verborgen. Dabei ist es so leicht, sich wohlzufühlen. Mit sich selbst im Reinen zu sein und alle Situationen des Lebens mit Leichtigkeit anzunehmen und zu meistern. «Er sieht zu seiner Frau, die mit den Schritten einer Ballerina das Tablett mit Tee bringt und auf den kleinen Tisch vor uns stellt. Ich schaue nur in die bernsteinfarbige Flüssigkeit, ohne die Tasse zu berühren.
»Du siehst bedrückt aus, Krista. Was ist los?« Pauls Augen begegnen meinen.
Reiß dich zusammen, sage ich mir. Ich nehme wahr, wie Wut, Unzufriedenheit und Zweifel meinen Magen verkrampfen. Mein Gesicht fühlt sich so nackt. Ich schütze es mit beiden Händen. Ich schluchze so stark, dass ich selbst verwundert bin. Bin ich das? Die Tränen kommen von selbst.
Paul holt Taschentücher und reicht mir eines. Sein Schweigen wirkt beruhigend. In diesem Moment bin ich ihm dankbar, dass er keine Floskel wie »ich verstehe dich« und »es tut mir leid« sagt. Schweigen tut gut. Nach einer Weile atme ich ruhiger und freier.
Ich sammle all meinen Mut, um zu reden. »Es läuft alles nicht so, wie ich es mir vorstelle. In der Familie streiten wir ständig. Mein Mann liebt mich nicht und mein Sohn sagt, dass ich ihn nicht verstehe. Über jedes Wort, das ich sage, diskutiert er. Dazu kommen die schlechten Noten in der Schule und das Computerspielen. Er hört mir nicht zu. Im Job werde ich gemobbt, ein Kollege mag mich nicht. Alle denken, ich sei blöd. Und nun noch das mit dem kaputten Bootsmotor. Jetzt reicht’s mir. Ich kann nicht mehr, habe keine Kraft mehr zu kämpfen.«
Paul zieht noch ein Taschentuch aus der Packung und reicht es mir. Ich nehme es dankbar und wische mein Gesicht ab.
»Was willst du, Krista?«, fragt er direkt.
»Was meinst du?« Ich verstehe ihn nicht.
»Was willst du jetzt in deinem Leben?« Die Frage irritiert mich.
»Ich weiß es nicht«, murmele ich mit tief gesenktem Kopf. »Na, ja. Ich möchte Ruhe haben.«
»Die meisten Menschen möchten glücklich sein, ohne etwas zu verändern. Einige wollen Erfolg im Job, Karriere machen. Andere wollen eine Familie mit Kindern und das reicht ihnen. Die...