PROLOG
Santiago
DREI JAHRE ZUVOR
Die tosende Zuschauermenge in der Ferne facht das Adrenalin an, das sich in mir aufbaut. Das Ampellicht beim Großen Preis von Großbritannien in Silverstone spiegelt sich auf der Karosserie meines roten Bandini-Rennwagens, und die Hitze des surrenden Motors hinter mir treibt mir Schweiß über den Rücken.
Ich atme tief ein und halte die Luft an, bis die fünf Lichter gleichzeitig erlöschen.
Vamos. Ich gebe Vollgas. Quietschend rast mein Wagen die erste Gerade entlang. Noah, mein Schwager und der weltbeste Formel-1-Fahrer, fährt an der Spitze. Seine hintere Stoßstange ist zum Greifen nah, als ich direkt hinter ihm um die erste Kurve biege.
Von dem Regen vorhin ist die Luft noch feucht, und mit jeder Runde beschlägt das Visier an meinem Helm stärker. Die rutschige Strecke treibt mich und meine Reifen bis zum Äußersten. Ich schiebe das Visier ein paar Zentimeter nach oben und lasse meinen heißen Atem durch die Lücke im Helm entweichen.
Mit jedem schweren Atemzug zieht sich meine Lunge weiter zusammen. Ich bezwinge meine Erschöpfung und versuche, Noah zu überholen, doch er hält sich in der Mitte der Strecke, sodass es mir unmöglich ist, ihn vom ersten Platz zu verdrängen.
»Krieg deinen Wagen in der vierten Runde besser unter Kontrolle. Wegen der ganzen Nässe fährst du total schlampig«, erklingt die Stimme von James Mitchell, dem Teamchef von Bandini, in meinem Headset.
»Verstanden.« Ich halte das Lenkrad fester und konzentriere mich auf die Fahrbahn.
Runde für Runde fahre ich genauso schnell wie Noah. Auch wenn er zur Familie gehört und mein Teamkollege ist, wollen wir einander so oft wie möglich übertrumpfen. Aber zusammen sind wir eine unaufhaltsame Bandini-Gewalt, die alle anderen in die Knie zwingt.
Noah braucht neue Reifen und fährt in die Boxengasse, sodass ich mich an die Spitze setzen kann. Das ist meine Chance.
Jetzt geht es um alles. Jeden Atemzug, jede Reifenumdrehung, jede einzelne verdammte Sekunde.
Mein Herz schlägt schneller, als ich erneut an einer verschwommenen Zuschauertribüne voll jubelnder Fans vorbeirase. Von diesem Energieschub geht ein Wummern durch meinen Körper. Nichts kommt an dieses Gefühl heran. Zwar war ich noch nie high, aber ich vermute, man fühlt sich dabei so ähnlich – lebendig, unverwundbar. Ich grinse unter meinem Helm und schieße an den Massen vorbei.
Mit voller Wucht kommt Noah von hinten angefahren und überholt mich auf der letzten Geraden. In der Kurve bremst er mit quietschenden Reifen ab.
Heftig drücke ich auf einen Knopf und wechsle den Gang. »Dieser Wichser! Ständig stiehlt er mir die Show.«
»Laut unseren Computern ist ein leichter Schauer im Anmarsch. Verdammte Scheiße, pass auf die Pfützen auf und krach nicht in Noah rein!« James’ Stimme hallt in meinen Ohren wider.
»Dürfen wir gleich auf Regenreifen wechseln?«
»Sollte jeden Moment durchgesagt werden. Halt durch.« James stellt sich stumm.
Noahs Reifen wirbeln einen Sprühnebel auf. Immer mehr Wasser spritzt gegen meinen Helm, und ich sehe zunehmend schlechter. Mit dem Handschuh wische ich m