1888
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Bertha schlug mit dem Schneebesen kräftig die Sahne. Die Böden der Friesentorte standen bereit. Bisher ging ihr alles reibungslos von der Hand, trotz der wachsamen Blicke ihres Konditormeisters. Der Guss über den abgetropften Kirschen kühlte ab. Sie war das Schlagen von Sahne oder Buttercreme inzwischen gewohnt. Irgendwann besäße sie ihre eigene Bäckerei, darauf arbeitete sie mit jedem Schwung aus ihrem Handgelenk hin. Nach weiteren Schlägen drehte sie die Schüssel, um zu sehen, ob die Sahne steif blieb. Sie strich sie auf die Kirschen, die sie auf dem mit Kirschsaft beträufelten Tortenboden platziert hatte. Vorsichtig hob sie den zweiten Boden auf die Schichten und siebte Puderzucker darüber. Stolz durchflutete sie. Dieses Mal gelang ihr die Friesentorte, keine Kirsche purzelte heraus, die Schlagsahne hielt. Der Boden sah weich und saftig aus.
»Fräulein Peterson, du bist fertig.« Meister Wilke trat hinzu, betrachtete das Ergebnis und grunzte zufrieden. Sein weißer Kittel spannte über seinem gewaltigen Bauch.
»Das bin ich.« Bertha blickte ihn neugierig an. Normalerweise nannte er sie beim Vornamen, nur in Prüfungsmomenten benutzte er ihren Familiennamen, wobei er sie weiterhin duzte, was Bertha nicht störte. »Was sagen Sie?«
»Ich hole meine Frau.« Wilke schenkte ihr ein Lächeln. »Wenn sie schmeckt, wie sie aussieht, fällt die Zubereitung dieser Torte künftig in dein Aufgabengebiet.«
Wilkes Ehefrau galt als schwierig, sobald es sich um die Friesentorte drehte, das wusste sie vom Lehrmädchen aus dem dritten Lehrjahr. Während des Ausbildungsjahrs war Bertha das Erstellen von Kaiser Wilhelms Lieblingstorte verboten. Die Herstellung stellte die Abschlussarbeit nach dem zweiten Jahr dar. Agathe misslang sie, sooft sie es auch versuchte.
Bertha liebte das Backen, ob Brote, Kuchen oder außergewöhnliche Tortenkreationen, dafür fand sie keine Begeisterung am Kochen, und niemals würde ihr ein Sonntagsbraten gelingen. Ihre Mutter fragte regelmäßig, wie das möglich sei, da sich beide Tätigkeiten ähnelten, und bat sie am Sonntag in die Küche, mit bedauernswertem Ergebnis.
»Ausgezeichnet.« Agathe war unbemerkt neben sie getreten. »Da findet selbst die alte Wilke keinen Grund zu meckern.«
Bertha lächelte. »Ich hoffe, du behältst recht.« Schritte näherten sich, Bertha legte ihren Zeigefinger auf die Lippen. »Kein Wort mehr.«
Agathe schüttelte den Kopf.
Meister Wilke trat ein, gefolgt von seiner kreidebleichen Ehefrau. »Der Kaiser ist gestorben, unmöglich, heute diese Torte zu bewerten.«
»Kaiser Wilhelm hätte Verständnis für die widrigen Umstände.« Er nahm ihr die Zeitung ab. »Ob sich FriedrichIII lange hält? Man sagt, er sei erkrankt. Irgendetwas am Hals.«
»WilhelmII wäre besser, er ist voller Tatendrang. Unser Reich braucht einen Kaiser, der das Land voranbringt.« Frau Wilke seufzte und besah sich die Torte von allen Seiten. »Die sieht erfreulich ordentlich aus, nichts zusammengefallen.« Mit hochgezogener Augenbraue sah sie zu Agathe. »Nimm dir ein Beispiel daran, du bist ein Jahr weiter.« Sie griff das Messer und schnitt sie an.
Bertha hielt den Atem an. Das Kuchenstück ließ sich problemlos als makelloses Tortenstück herausziehen.
»Fest genug ist die Masse.« Sie stach mit einer Gabel ab. »Hoffentlich ist der Boden nicht pappig.« Sie schob sich ein Stück in den Mund.
Erst als Frau Wilke den Kopf schief legte und anerkennend nickte, stieß Bertha die angehaltene Luft aus. »Was hast du in die Sahne gemischt? Ich schmecke Vanille, aber da ist noch anderes.«
»Außer Vanille gehört nichts hinein«, widersprach Meister Wilke. »Gib her.« Er griff nach dem Teller und kostete die Torte. »Stimmt. Was ist das?«
Frau Wilke lächelte. »So schmeckt sie mir weit besser. Eindeutig. Was ist das für ein Geschmack?«
Bei ihrem letzten Probebacken war Bertha Zimt in den Zucker für den Guss gefallen. Sie hatte ihn trotzdem verwendet, weil sie keinen Kirschsaft übrig gehabt hatte. Die sanfte Zimtnote hatte Bertha augenblicklich überzeugt. Sie suchte den Blick des Meisters.
Er aß einen weiter