Johann von Bloch
DIE WAHRSCHEINLICHEN POLITISCHEN
UND WIRTHSCHAFTLICHEN FOLGEN
EINES KRIEGES ZWISCHEN GROSSMÄCHTEN
(1901)3
1.
Einleitung
Die Aufgabe, die ich mir gestellt habe, ein Bild der wahrscheinlichen politischen, wie öconomischen Ergebnisse, die heute ein Krieg zwischen Grossmächten zeitigen würde, zu geben, könnte ziemlich leicht erscheinen, da es unbestritten ist, dass diese Ergebnisse entsetzliches Elend zeitigen müssten.
Die mehr oder weniger grosse Ungeheuerlichkeit eines Krieges hat jedoch auf die Entschliessungen der Regierungen keinerlei Einfluss, sobald es sich darum handelt einen Krieg zu führen oder zu unterlassen. Man kann sagen, dass sie zumeist ohne vorhergehende Studien Kriege unternehmen. Diese sind alsdann das Ergebniss einer dieser blinden Leidenschaftswogen, die die Völker heimsuchen, das Ergebniss eines bald spontan sich zeigenden, bald durch unsichtbare Kräfte erzeugten vorübergehenden Wahns, der schliesslich die Regierungen selbst mit sich reisst. Früher waren es hauptsächlich die Rivalitäten der Fürsten, ihre gegenseitigen Feindseligkeiten, ihre dynastischen Interessen, ihr gerechter oder unberechtigter Ehrgeiz, die die Kriege entfesselten, heute jedoch, sagt Alfred Fouillée, das Mitglied des Instituts von Frankreich in seiner „Enquête sur la guerre et le militarisme“, wo die Gewalt in die Hand der Völker übergegangen ist, wo diese ein immer mehr zunehmendes Bewusstsein ihrer Interessen und ihrer Rechte besitzen, und wo dieses Bewusstsein die öffentliche Meinung bildet, und wo endlich diese öffentliche Meinung durch die Presse gehalten und geleitet wird, werden die Streitigkeiten in des Wortes wahrster Bedeutung Völkerconflikte.
Die Fürsten sind genöthigt die Völker vorher zu überzeugen, dass dieser oder jener Krieg durch die Vaterlandsliebe, aus vitalem Interesse des ganzen Volkes, oder noch mehr, aus Gerechtigkeitsgründen selbst, zur Nothwendigkeit geworden ist. Diejenigen die den Krieg wollen, werden immer die öffentliche Meinung dahin zu bringen suchen, dass diese den Krieg für unvermeidlich hält. Dafür sind alle Mittel gut, von der Depeschenfälschung bis zur Journalbestechung. Es braucht nur daran erinnert zu werden, dass Cavour in öffentlicher Parlamentssitzung erklärte, dass er 80 Millionen der geheimen Fonds für die Interessierung der französischen Presse zu Gunsten des italienischen Krieges verwendet habe, dass Bismarck ebenfalls in öffentlicher Parlamentssitzung erklärte, „das Stillschweigen einer Anzahl französischer Zeitungen über Preussens Rüstungen erkauft zu haben, und dass an dem Tage, an welchem er den Krieg haben wollte, es ihm genügt hatte, die Monatszuschüsse einzustellen.“ Das gab diesen Blättern ihren Patriotismus wieder und sie schrieen alle „nach Berlin!“
Das sind Augenblicke des Wahns, der Verirrung, die nach Belieben von Jenen hervorgerufen werden, die ein Interesse daran haben, die Geister jeder vernünftigen Bethätigung zu berauben. Diese Aufreizungen würden nicht so häufig und weniger gefährlich sein, wenn man sich darüber mehr im Klaren wäre, was heutzutage das Wort „Krieg“ zu bedeuten hat.
Der Zweck der vorliegenden Arbeit und der meiner vorhergehenden Schriften besteht gerade darin, die richtigen Anschauungen über den Krieg zu verbreiten.
Ich habe es mir zur Aufgabe gemacht zu untersuchen, welcher Art die Umwandlungen sind, die bei der Kriegsführung in technischer, wie materieller Beziehung vor sich gegangen sind, und ob die, aus der gegenseitigen, stets wachsenden Abhängigkeit der Völker, hervorgegangene Lage, nicht eine derartige ist, dass die ökonomischen und finanziellen Störungen, die daraus entstehen müssen, die Fortsetzung des Krieges unmöglich machen werden, ehe man noch auf irgend einer Seite zu einer Entscheidung gelangt ist.
Ich werde mich bemühen, in dieser Arbeit den Beweis zu führen: 1. Dass es den gegenwärtigen Heeren unmöglich sein wird, der in der Zukunftschlacht entwickelten Zerstörungsgewalt zu widerstehen, wenn der Krieg, wie dies früher üblich war, geführt werden soll; 2. dass man, wenn man in den Schlachten die ungeheueren Verluste wird vermeiden wollen, die sich bis zur vollständigen Vernichtung ganzer