2. Hochsensible Begabungen und Stärken
Für die Überlegung, welche berufliche Orientierung für Sie infrage kommt und wie Ihr beruflicher Weg aussehen bzw. weitergehen könnte, ist es – jenseits erworbener Ausbildungsabschlüsse und Qualifikationen – überaus wichtig, dass Sie ein klares Bild von Ihren grundlegenden Begabungen, Stärken und Neigungen haben. Wie viel leichter fällt es und wie viel erfreulicher ist es, einen Beruf auszuüben, für den Sie die passenden Begabungen und persönlichen Vorlieben mitbringen.
Wenn Sie sich Ihrer Stärken bewusst sind, hat das zudem den Nutzen, dass Sie diese bei passenden Gelegenheiten anführen können, zum Beispiel um geeignete Arbeitsaufgaben übertragen zu bekommen. Sie können über Ihre Begabungen und Stärken sprechen, ohne auf Ihre Hochsensibilität zu verweisen.
2.1 Zusammenhang zwischen Stärken und Schwächen
Als ich mich für mein erstes Buch daranmachte, getrennte Listen für Stärken und Schwächen von HSP auszuarbeiten, fiel mir auf, dass die Stärken und Schwächen, die ich da notierte, gar nicht wirklich unabhängig voneinander zu betrachten waren. Häufig erwiesen sich die Schwächen bei genauerem Hinsehen jeweils als Übersteigerung bestimmter Stärken bzw. als deren unmittelbare Schattenseite. Also legte ich die Listen zusammen und brachte die Stärken und Schwächen in einen Zusammenhang. Ich will gleich ein Beispiel bringen: Die Stärke Einfühlungsvermögen bedingt die Schwäche, sich nur schwer emotional abgrenzen zu können.
„Wo Licht ist, ist auch Schatten“, heißt es. Umgekehrt könnte man mit ebenso viel Berechtigung sagen: „Wo Schatten ist, ist auch Licht.“ Denkt man so herum, kann man den in der „Schwäche“ verborgenen wertvollen Kern finden. Zum Beispiel liegt in der Übererregbarkeit die Berührbarkeit. Für mich war diese Sichtweise, die ich in den Büchern von Friedemann Schulz von Thun fand, wie eine Offenbarung. Sehr gern möchte ich Ihnen diese Einsicht ebenfalls eröffnen.
Jede „gute“ Eigenschaft, jede menschliche Qualität kann, wenn sie einseitig überbetont wird, ab einem bestimmten Punkt von erfreulich zu unerfreulich kippen (z. B. Gründlichkeit zu Perfektionismus). Friedemann Schulz von Thun nennt das „des Guten zu viel“, was ich sehr anschaulich ausgedrückt finde. Es kommt also darauf an, dass man eine begrüßenswerte Eigenschaft lediglich in einem moderaten, erfreulichen Maße auslebt, was am besten gelingt, wenn man sie mit einer ausgleichenden anderen Eigenschaft ausbalanciert (z. B. Gründlichkeit mit Fehlertoleranz).
Zum Nachlesen: Auf der Website von Friedemann Schulz von Thun unterhttps://www.schulz-von-thun.de/die-modelle/das-werte-und-entwicklungsquadrat
Buchempfehlung:Kommunikation als Lebenskunst, Bernhard Pörksen, Friedemann Schulz von Thun, Carl-Auer-Verlag, 2014.
Dabei ist noch zu beachten, dass die Bewertung von Eigenschaften sehr subjektiv ist. Was der / die eine schätzt (z. B. Ordnungsliebe), sieht jemand anderes vielleicht schon als störend an (nennt es z. B. Pedanterie). Darüber hinaus kann jede Eigenschaft von Vor- oder Nachteil sein, je nach Situation, aktueller Anforderung, konkretem Vorhaben und gesetzten Zielen (z. B. führen Genauigkeit und Detailliebe wahrscheinlich zu einem sehr guten Arbeitsergebnis, sind aber zeitaufwändig und deshalb hinderlich, wenn etwas eilig ist). Das heißt: Alles ist relativ.
2.2 Wesentliche Begabungen und Stärken differenziert