Einleitung
Verbundenheit und Resonanz mit anderen sind seit Menschengedanken existenzielle Grundbedürfnisse. Werden sie nicht erfüllt, fühlen wir uns unwohl, isoliert und allein. Alleinsein ist nicht in jedem Fall eine Belastung: Eine gewisse Zeit allein zu Hause, in einer abgelegenen Berghütte oder an einem schönen See zu verbringen, kann zur Erholung beitragen, seelische Entlastung und mehr Resonanz mit uns selbst ermöglichen. Dies sind wichtige Voraussetzungen dafür, sich auch mit anderen verbunden zu fühlen. Doch wann erwächst aus dem Alleinsein Einsamkeit – und damit das Gegenteil von Verbundenheit?
Einsamkeit ist ein Zustand, der im Widerspruch zu unseren eigenen Bedürfnissen und Wünschen steht. Er wird als Mangel empfunden. Einsamkeit und das Gefühl von Mangel, ein Verlust oder der Wunsch nach Änderung kann jeden und jede von uns (be-)treffen. Mit diesem Buch richten wir uns insbesondere an die Menschen, die unter Einsamkeit leiden und Ansätze zur Selbsthilfe suchen. Wir wollen aber auch diejenigen ansprechen, die von Menschen in ihrer Umgebung wissen, die unter Einsamkeit leiden, und die ein Gespür für die möglichen Gründe bekommen und die Betroffenen unterstützen möchten. Denn: Einsamkeit ist keine Krankheit, aber sie kann einschränken oder sogar krank machen. Es gibt kein Medikament, das direkt gegen Einsamkeit wirkt.
Erinnern Sie sich an die extremen Einschränkungen während der Coronapandemie? Durch die notwendigen Maßnahmen zur Eindämmung des Virus, die primär aus Kontaktbeschränkungen und freiwilliger Isolation bestanden, erfuhr ein Großteil der Menschheit, was es heißt, nicht nur allein, sondern auch einsam zu sein. Denn das Gefühl, mit anderen Menschen gut verbunden zu sein, wurde empfindlich getroffen. Nachdem die Impfkampagnen langsam Fahrt aufgenommen hatten und wir uns unter Auflagen wieder begegnen konnten, war es wie ein kollektives Aufatmen. Die meisten Menschen hatten ein verändertes Bewusstsein für den Wert ihrer sozialen Kontakte. Familie, Freunde, Gemeinschaft – vieles wurde intensiver wahrgenommen. Für viele Menschen war es wie die Wahrnehmung der Natur nach einem reinigenden Regen. Alles war auf einmal klarer und schärfer, und bisher Selbstverständliches wurde wie eine neue Errungenschaft gefeiert.
Diese Dimension der Einsamkeit unter Pandemiebedingungen war neu. Lockdown und Co. haben das Phänomen Einsamkeit für viele Menschen „fühlbarer“ gemacht. Als leidvolles Symptom kursierte es bereits lange vor Corona in unserer Gesellschaft. Die paradox anmutende Tatsache lautet nämlich: Wenn Sie, liebe Leserin und lieber Leser, zu diesem Buch gegriffen haben, weil Einsamkeit in Ihrem Leben eine Rolle spielt, dann sind Sie damitnicht allein.
Gemäß bevölkerungsrepräsentativen Umfragen in Deutschland gaben im Jahr 2019 ungefähr 18 Prozent der Befragten und im Jahr 2020 ca. 39 Prozent an, an einem oder mehr Tagen pro Woche einsam zu sein.1 Im Jahr 2024 fühlten sich laut einer Umfrage ca. ein Drittel der befragten Erwachsenen in Deutschland mehrfach pro Woche oder täglich einsam (vgl. auch Abb. 1.1).2
Dabei darf Einsamkeit nicht mit selbst gewähltem Alleinsein oder sozialer Isolation verwechselt werden. Unter „den Einsamen“ finden sich neben Menschen, die sich (nach einer persönlichen Krise oder einer längeren Krankheit) ausgeschlossen fühlen, auch Personen, die