Judith die Hexe
Gott war eine Nicht-Tatsache, an der keinesfalls gezweifelt wurde. Ein Buchhalter am Himmel, distant, aber zu gelegentlichen Strafen aufgelegt, wenn er nicht gerade Sternlein zählte oder Kuchen aß. Soviel verriet ihnen Yvonne. Ewald kommunizierte über das Thema nur in den Formeln des Gebets und seiner Predigttexte, die ebenso unverständlich wie unheimlich waren.
Nicht, dass die Schwestern sie häufig zu hören bekamen.
Zum einen hatte er sechs Dorfkirchen zu versorgen und hielt entsprechend selten bei ihnen im Ort seinen Gottesdienst ab. Zum anderen ging Yvonne, seit dem kurzen und vergeblichen Kindergartenbesuch ihrer Töchter, nur ungern mit den beiden in die Kirche. Sie spürte, dass die Dorföffentlichkeit ihren Kindern feindlich gesonnen war. Die übelwollenden Blicke der anderen spiegelten unmissverständlich, was Yvonne schon wusste. Die Schwestern waren nicht, wie kleine Mädchen sein sollten: Die renitente Rebecca mit ihrem ewig mürrischen Ausdruck im Gesicht, und die zarte Judith in Wahrheit unförmig, oberflächlich brav, unterschwellig boshaft. So weit Yvonnes nüchternes Urteil über ihre Kinder, zuerst gefasst, als diese vier Jahre alt waren, seitdem täglich bestätigt.
Nur alle vier Wochen, wennDAS GETRÄNK ihre monatliche Blutung zum Fließen brachte und ihr zugleich das Gefühl schenkte, dass alles möglich, alles offen war, erlaubte sich Yvonne einen anderen Blick auf die Dinge. Es waren die glücklichsten Momente ihres ansonsten öden Daseins. Ihr Rausch verlieh der Welt eine freundliche Aura. Wenn das zweite Glas leer war, kamen ihr sogar ihre Töchter liebenswert vor. Phantasien gingen ihr durch den Kopf. Sie versuchte sich Martin-Sie ohne Hemd vorzustellen; eine Urlaubsreise mit Mahlzeiten im Restaurant und lächelnden Kellnern; die feierliche Beerdigung von Ewald. Verbotene Gedanken, die sie nicht einmal in lateinische Worte zu fassen wagte. In den darauf folgenden Tagen flüchtete sie in das intensive Singen von Chorälen und Hausarbeit. Abends im Bett an Ewalds Seite beschäftigte sie ihr schlechtes Gewissen, ein schwammiges Angstgefühl, ebenso beunruhigend wie die schnell sinkenden Pegelstände in den Flaschen. Dann fühlte sie ihre Frömmigkeit verblassen, durchsichtig werden wie ein zu oft getragenes Kleidungsstück, bis sie als Mauer gegen die Schrecken der Welt, als feste Burg nicht mehr taugte.
Immerhin gab es die Mauern des Hauses, um sie abzuschirmen. Aber sie ahnte und fürchtete, dass es unmöglich sein würde, Rebecca und Judith dauerhaft vor dem zu bewahren, was in ihrem Wesen angelegt war, was sie nicht benennen konnte, was jeder, dem die Mädchen begegneten, als abstoßend empfand.
Wenn Yvonne einmal so weit war, brach sie ihre Gefühle herunter auf gewöhnliche mütterliche Angst u