Stehe ich an einem Bahnsteig, mit mindestens zwanzig anderen, wildfremden Menschen und irgendjemand hat seine Geldbörse vergessen, hat Liebeskummer oder andere Sorgen, die er mitteilen möchte, ist die Chance, dass ich angesprochen werde, relativ hoch. Die Chance, dass ich helfen kann, auch. Ob ich es mache? Selbstverständlich, denn ich mache es wirklich gerne. Dies gehörte einfach zu mir wie Augenfarbe oder Körpergröße. Ich war und bin eben eine „Helferin“.
Zwei Dinge über mich wusste ich seit Teenagertagen:
1. Ich möchte einmal Kinder haben, unbedingt.
2. Ich hasse es, wenn andere mir sagen, wie ich Dinge zu tun habe.
Es gab den Punkt, an dem ich lernte, Letzteres für mich zu behalten, meine Meinung und meinen Frust zu verstecken. Somit bekam ich gerade noch die Kurve, durfte weiter die Schule besuchen und einen recht klassischen Lebensweg führen. Wie mein schulverwiesenes, sitzengebliebenes, provozierendes Teenager-Ich zu diesem Entschluss stand? Natürlich hatte mein „Alles-scheiße-Ich“ sich kein Praktikum gesucht und als der Druck größer wurde, bin ich tatsächlich aus purer Faulheit zum Kindergarten eine Straße weiter gegangen. Ich wusste sofort: Hier bin ich richtig. Ich liebte es, mit den Kindern zusammen zu sein, und sie mochten, dass ich da war. Ich wusste, ich wollte diese Arbeit unbedingt, verlängerte mein Praktikum freiwillig und arbeitete die Ferien weiter. Zog den Kindergarten meiner sonstigen Partylaune vor. Ich hatte das entdeckt, was mich glücklich machte und was ich gut konnte. Ich änderte von einem Tag auf den anderen mein Verhalten und meine Arbeitsweise in der Schule, konnte sogar eine Klasse überspringen. Ich wollte die Schule nun noch schneller hinter mich bringen, denn ich hatte ein Ziel: Erzieherin werden. Meine Berufung hat mich damals ganz bestimmt gerettet. Ich liebte die schulische Ausbildung zur Erzieherin, wurde zur Einser-Kandidatin, all das Wissen, die Praktika, ich hatte fast das Gefühl, meinen Sinn im Leben gefunden zu haben.
Nach der Ausbildung wurde meine Begeisterung leider schnell gedämpft, durch die Rahmenbedingungen, die die Arbeit mit den Kindern einengten und teilweise skurrile Vorgaben. Ich arbeitete zum Beispiel wirklich gerne mit Kindern und Jugendlichen aus sozialen Brennpunkten. Die milieubedingten Herausforderungen brachten einen höheren Personalschlüssel und eine intensive Elternarbeit mit sich. Hausbesuche, um die Gesamtsituation der Kids zu verbessern und Perspektiven zu schaffen, waren an der Tagesordnung. Ich liebte diese Arbeit. Solange, bis auf politischer Ebene entschieden wurde, dass es keine „sozialen Brennpunkte“ mehr gebe, unser Personalschlüssel wurde reduziert und die Elternarbeit massiv gekürzt. Blöd nur, dass die Eltern und Kinder dieses Stadtteils den Entwurf wohl nicht gelesen hatten. Ach ja, die meisten konnten ja gar nicht lesen.
Der ganz normale Alltagswahnsinn machte es fast unmöglich, die wunderbaren Ansätze, die ich fünf Jahre lang gelernt hatte, anzuwenden. Ich gab nicht auf, erforschte verschiedene Bereiche: Kinderheim, Spiel- und Lernstuben, integratives Arbeiten. Bei Letzterem beneidete ich unsere Therapeutinnen um die Zeit für die Förderung der einzelnen Kinder. Denn für mich war es an allen Stellen knapp und ich war meilenweit von der Arbeit entfernt, die mich erfüllte oder die die Kinder gebraucht hätten.
Ich entschied mich nach vier Jahren Ausbildung und sechs Jahren im Erzieherjob, diesen Weg hinter mir zu lassen. Wollte besser, intensiver helfen und drückte erneut drei Jahre die Schulbank, um Ergotherapeutin zu werden. Nahm zahlreiche Nebenjobs an und ging jeden Morgen um 5.00 Uhr zum Bahnhof, denn diese Ausbildung kostete mehr als den persönlichen Einsatz, im Durchschnitt 30.000 € Schulgeld für drei Jahre Ausbildung. Ich ließ mich in einer Psychiatrie ausbilden, die ein deutlich geringeres Entgelt verlangte, jedoch auch einige Städte weiter weg war, sodass ich jeden Morgen um 5.00 Uhr zum Zug gehen musste. Okay, meistens rannte ich wie verrückt mit einem überschwappenden Kaffeebecher in der Hand, weil ich verschlafen hatte. Um 17.00 Uhr war ich wieder in Köln und begann zu jobben, meist bis 23.00 Uhr. Ich war sehr müde in dieser Zeit, aber auch sehr glücklich, stolz, dass ich mir meinen Traum erfüllte. „Wieviel mehr ich denn verdienen würde, dass ich das alles in Kauf nahm?“, wurde ich manchmal gefragt. Irgendwann verschwieg ich, dass ich nicht mehr verdiente als im Erzieherberuf. Ich wollte Spaß und Sinn in dem, was ich tat, mein Preis wäre gewesen, meine Berufung und Begeisterung gegen Resignation und Frust zu tauschen. Ich war Feuer und Flamme, gab drei Jahre lang alles und machte mein Examen als Jahrgangsbeste. Ich war einer dieser schrecklichen Menschen, die auf einer Grillparty stundenlang über ihren Job sprechen konnten und nicht immer merken, wann es die anderen nervte. Übrigens bis heute mein Manko. Wenn ich mich also in Begeisterung rede, rate ich meinen Mitmenschen: Täuscht vor aufs Klo zu müssen und lauft!
Ich entd