: Sabine Völker-Horns
: Judith Die Reise in die Vergangenheit
: Books on Demand
: 9783758348310
: 1
: CHF 6.60
:
: Jugendbücher ab 12 Jahre
: German
: 208
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
"1990er Jahre: Die 16-jährige Judith zieht nach einer unerwarteten Erbschaft mit ihrer Mutter Marianne nach Norddeutschland. Doch Judiths Aufbruch in ein neues Leben wird zu einer Reise in die Vergangenheit, denn das NS-Regime wirft in dem kleinen Dorf auch noch 60 Jahre später seine Schatten. Auch Ungereimtheiten in ihrer Familiengeschichte werfen Fragen auf. Judith wird schnell klar, dass sie erst alle Fragen klären muss, bevor sie sich hier heimisch fühlen kann. Warum enterbte der Sonderling Karl seine Familie und hinterließ alles Marianne? Und welche Rolle spielt die polnische Landarbeiterin Marysia Dariusz? Auf der Suche nach Antworten macht Judith eine verhängnisvolle Entdeckung."

geboren 1966 in Hamburg. Ausbildung zur Fremdsprachenkorrespondentin, Studium der Germanistik, Romanistik und Volkskunde Dozentin an verschiedenen Volkshochschulen verheiratet, lebt in Norddeutschland

2. KAPITEL


NEUBEGINN MIT HINDERNISSEN


Judith hatte sich eigentlich vorgenommen, während der Fahrt wach zu bleiben und die ersten Eindrücke ihrer neuen Heimat zu sammeln. Aber sie hatte vor Aufregung in der letzten Nacht kaum geschlafen, und im Auto wich die Anspannung. Kurz vor Dortmund schlief sie ein. Hinter Hannover wachte sie auf, weil Marianne die Scheibe heruntergekurbelt hatte und der frische Wind ihr übers Gesicht strich.

›Die Luft hier ist ganz anders als am Rhein‹, dachte sie noch.

Sekunden später war sie wieder eingeschlafen.

Sie erwachte dann von Lärm und Geräuschen, die sie nicht einordnen konnte. War das eben eine Schiffshupe?

Sie blinzelte kurz und versuchte sich zu erinnern, wo sie eigentlich war.

»Na, ausgeschlafen?« fragte Marianne.

Judith gähnte.

»Na ja, geht so. Ist es noch weit?«

»Nein. Vielleicht noch eine Stunde, wenn der Elbtunnel frei ist. Wir sind kurz vor Hamburg.«

Hamburg!

Jetzt war Judith hellwach. Abgesehen von einer Klassenfahrt nach Kassel war sie nie weiter als 10 km von zu Hause weg gewesen.

»Wow! Guck dir mal diese riesige Brücke an! Hast du so was schon mal gesehen?«

Marianne lachte.

»Ich war erst vor vierzehn Tagen hier, falls du dich daran erinnerst.

Das ist die Köhlbrandt-Brücke. Die haben sie erst vor 30 Jahren gebaut.«

»Da würd’ ich gern mal ’rüberfahren.«

»Warum nicht? Du hast ja noch ein paar Tage Ferien.«

»Und du? Musst du nicht arbeiten?«

»Ich habe ja noch Urlaub. Muss erst ab Mai wieder arbeiten – wir haben echt mal Zeit füreinander.«

»Wie hast du so schnell ’ne Stelle gefunden?«

»Zeitarbeit. Wenn ich ein bisschen Glück habe, übernimmt mich ’ne Kundenfirma.«

Judith guckte ratlos.

Unter Zeitarbeit hatte sie sich nie etwas vorstellen können, und es hatte sie bisher auch nicht sonderlich interessiert.

Sie wollte gerade nachfragen, aber Marianne redete schon weiter.

»Wir können zusammen Hamburg und das Umland erkunden. Ist ja Wahnsinn, was es hier alles gibt. Ich habe schon mal ein paar Ideen gesammelt, was wir machen könnten. Hier gibt es ganz tolle Parks und Museen und Musicals, wir müssen unbedingt zuCats, das Titellied kennst du doch aus dem Radio …«

Die sonst eher schweigsame Marianne redete wie ein Wasserfall. Judith kam gar nicht mehr hinterher.

»… und ins Alte Land müssen wir auch mal, da können wir auf dem Elbdeich laufen; die Obstblüte beginnt ja auch bald, wusstest du eigentlich, dass das Alte Land das größte Obstanbaugebiet von Europa ist?«

Nein, das hatte Judith nicht gewusst. Vom Alten Land hatte sie noch nie gehört.

»… und natürlich fahren wir am Wochenende ans Meer, bis zur Ostsee ist es nur eine Stunde Fahrt, zur Nordsee ist es ein bisschen weiter, aber da können wir dann ja ein paar Tage bleiben, vielleicht Föhr oder Amrum, Tante Carola hat Amrum so geliebt und die anderen ostfriesischen Inseln …«

»Nordfriesische Inseln«, sagte Judith.

»Föhr und Amrum sind nordfriesische Inseln.«

So viel hatte sie aus dem Erdkundeunterricht noch behalten.

Aber Marianne war schon beim nächsten Thema.

»Wir wohnen natürlich nicht in der Stadt, Hamburg ist viel zu teuer, und wir haben ja auch das Haus. Das ist viel ländlicher, das wird dir gefallen. Du wolltest doch immer eine Katze haben. Es tat mir immer so leid, dass das in der Etagenwohnung nicht ging. Aber jetzt können wir uns eine Katze anschaffen. Oder meinetwegen auch zwei. Und du könntest wieder zum Reiten gehen, wenn du das möchtest. Im Nachbardorf ist ein Pferdehof, die geben auch Reitstunden, und du brauchst da nicht mal ein eigenes Pferd …«

Eine Antwort schien Marianne nicht zu erwarten, sie redete ununterbrochen. Judith sagte nur »oh ja!« oder »wirklich?« und versuchte, dem Gespräch einigermaßen zu folgen. In zwanzig Minuten hatte Marianne die nächsten zehn Jahre verplant, während Judith in Gedanken noch bei der Köhlbrandt-Brücke war, die im Rückspiegel immer kleiner wurde.

»Aber erst mal müssen wir ja richtig ankommen«, platzte Marianne in Judiths Gedanken.

»Das Haus einrichten. Gute Nachbarschaft halten. Freundschaften schließen. Wurzeln schlagen. Und irgendwann sind wir richtige Nordlichter und gehören dazu. Dann sind wir hier zu Hause. Wäre das nicht toll?«

Fischköpp hatte Andrea gesagt, und das war nicht nett gemeint. War das tatsächlich erst wenige Tage her?

»Cool«, sagte sie laut, und damit meinte sie nicht nur Mariannes neuen Job.

»Nicht wahr«, sagte Marianne.

»Bist du eigentlich arg aufgeregt?«

»Nicht sehr«, sagte Judith.

»Das kommt wohl erst, wenn wir da sind.«

»Wahrscheinlich«, sagte Marianne.

»Mir ging es auch so.«

Die Spur auf der Autobahn verengte sich, und Marianne musste sich auf den Verkehr konzentrieren. Judith betrachtete die Landschaft und die Häuser, die in hohem Tempo an ihr vorbeizogen. Eigentlich sah das auch nicht anders aus als zu Hause, nur dass das Land vollkommen flach war.Norddeutsche Tiefebene. Judith hatte diese Bezeichnung immer für einen Scherz gehalten. Irgendwie war sie enttäuscht. Sie hatte halb und halb erwartet, zumindest in der ländlicheren Gegend die kleinen friesischen Häuser zu sehen, wie sie Tante Carola auf Amrum fotografiert hatte. Im Großraum Hannover hatte sie noch ein Dorf im Vorharz mit den für die Gegend typischen Häusern gesehen, bevor sie wieder eingeschlafen war. Das hatte ihr gefallen. Sie war auch überrascht gewesen, wie viele Bäume eine Großstadt wie Hamburg hatte. Aber hier war noch fast Winter, kein Grün an den Bäumen. So fand sie die Gegend eher langweilig und die Weite ziemlich trostlos. Aber vielleicht war sie noch nicht weit genug im Norden. Judiths Geographie-Kenntnisse von Norddeutschland waren beschränkt, sie hatte keine große Vorstellung, wie weit Hamburg noch von der Küste entfernt war und wo genau es jetzt eigentlich hinging.

›Erst mal abwarten‹, sagte sie zu sich selbst.

›Wir sind ja noch gar nicht da.‹

Sie hatten Hamburg hinter sich gelassen, und noch immer schien die Fahrt kein Ende zu nehmen. Judith erhaschte einen Blick auf ein Schild mit der Aufschrift »Abfahrt Quickborn.«

»Müssen wir hier nicht langsam mal ’runter?«

»Nö, wieso?«

»Wir sind doch schon lange aus Hamburg ’raus.«

»Ich weiß.«

»Wo müssen wir denn ganz hin?«

Marianne zwinkerte ihr zu.

»Nach Vosshagen-Ekenrund.«

»Und das liegt zwischen Bad Segeberg und Bad Bramstedt.«

»Genau.«

Judith gab es auf.

Endlich setzte Marianne den Blinker und verließ die Autobahn.

Links ging es nach Bad Bramstedt, rechts nach Bad Segeberg.

Judith hatte irgendwie erwartet, durch Bad Bramstedt zu fahren. Aber Marianne lenkte den Wagen in die andere Richtung.

Dörfer und kleinere Ortschaften wechselten einander in rascher Folge ab. Hier war sie eindeutig auf dem Land. Und hier würde sie künftig zu Hause zu sein, ob mit oder ohne Friesenhäuser.

»Wir sind fast da«, sagte Marianne, die Judiths Blick richtig gedeutet hatte.

»Der nächste Ort ist Ellernbrook. Dort wirst du auch zur Schule gehen. Ich habe dich schon angemeldet.«

›Dann kann es ja nicht mehr weit sein bis nach Hause‹, dachte Judith.

Aber es folgten noch drei Ortsschilder.

»O-e-m-e-l-a-n-d«, buchstabierte Judith.

»Ulkige Namen haben die hier.«

ÜberKlein Rüsternau undJuliusfelde-Vogelsang lachte sie sich halbtot.

»Kein Grund, auszuflippen«, sagte Marianne.

»Wir sind gleich da. Da vorne fängt schon Vosshagen an.«

Vosshagen schien nur aus fünf Häusern und jeder Menge Koppeln zu bestehen. Auf der rechten Straßenseite tauchten drei Strohdachhäuser auf.

Marianne setzte den Blinker.

Judith hatte den kleinen Weg zuerst gar nicht gesehen und stellte erstaunt fest, dass es eine geteerte Straße war. Auf einem windschiefen Schild standVosshagen-Ekenrund, Ortsteil Vossberg und darunterVossberg 1 - 21.

Marianne zählte halblaut die Hausnummern.

»1, 1a, 3, 5, 5a, 7, 7a …«

Judith wäre geradeaus weitergefahren. Aber Marianne nahm eine scharfe Linkskurve.

»Sonst landen wir direkt bei Willy auf der Terrasse«, erklärte sie.

»Und gerade mit dem möchte ich keinen Ärger haben.«

»Und wer ist Willy?«

»Na, der Dorfpolizist, der für uns und drei weitere Ortschaften zuständig ist«, erwiderte Marianne in einem Tonfall, als hätte...