Kapitel Eins
Simon lebte in der gruseligsten Stadt der Region, vielleicht sogar des Landes. Das war kein Geheimnis. Er wusste das, seine Familie wusste das, jeder Bewohner von Cracklewood wusste das. Und das Schlimmste? Man könnte meinen, jeder Einzelne von ihnen war stolz darauf. Sie mochten ihren Nebel, ihre knorrigen Bäume und ihre Kürbisse, die viel zu früh die Sträßchen säumten und dort viel zu lange standen. Irgendwann wurden sie matschig und unansehnlich, das eingeschnitzte Grinsen wurde zur Fratze und sie verschmolzen mit dem Kopfsteinpflaster. Erst im November kehrte man sie dann zusammen, kratzte die Reste vom Gehsteig.
Natürlich tat man das mit einem feierlich-trauernden Gesichtsausdruck. Diesen hatte man noch einige Tage zur Schau zu tragen, so war die Regel, an die sich nur Simon nicht zu halten schien. Simon war froh, wenn der erste Schnee kam und die Luft zu kalt und zu träge für Stürme wurde. Er war froh, wenn auch das letzte verdorrte Blatt fiel. Er war froh, wenn blinkende Rentiere und dickbäuchige Weihnachtsmänner endlich die Hexen vertrieben, die ihn schon seit dem Hochsommer verfolgten. Kurzum: er war der schlechteste Cracklewood in der Geschichte der Cracklewoods.
Dabei verstand er, dass dieser Fanatismus nicht von irgendwo her kam. Im Gegenteil: er war tief verwurzelt und untrennbar verbunden mit der Geschichte des Ortes. „Eine grausame Geschichte“ hatten es die Lehrer von Simon genannt, doch egal wie sehr er Grusel verabscheute, hier hatte er ihnen nie zustimmen können. Sicher: Hexenverfolgungenwaren grausam. Doch seine Heimat hatte keine grausame Geschichte, sie hatte einfach nur Geschichte. Denn so wie Simon das