: Norbert Heinrich Holl
: Melanie oder die Primzahl
: Books on Demand
: 9783759771605
: 1
: CHF 8.30
:
: Gegenwartsliteratur (ab 1945)
: German
: 304
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
"Zw i Abende darauf sah ich das blau lackierte Damenfahrrad mit dem hohen Ledersitz und der Dreigangschaltung wieder, das gegen die Friedhofsmauer gelehnt gewesen war. An jedem Ort der Welt hätte ich es erkannt. Jetzt stand es vor der Hauswand meiner Nachbarn. Ich spürte, wie die Neugier in mir explodierte, und es war mehr als simple Neugier. Ich hatte mich sozusagen in den Radspeichen verfangen. Die hübsche Kleine musste ich unbedingt kennenlernen ..." Darf sich ein gestandener Mann im besten Alter in einen Teenager verlieben? Diese Frage schwirrt Marc im Kopf, seit er die achtzehnjährige Nichte der Nachbarn kennengelernt hat. Er legt es trotz Bedenken darauf an und muss erleben, wie sich Lage für Lage ein Geheimnis entblättert, dem er nicht gewachsen zu sein scheint. Norbert Heinrich Holl entführt in"Melanie oder die Primzahl" die Leser in ein surreales Geflecht aus Fakten, Gefühlen, Täuschungen und Wünschen, das sich erst am Ende zu einem Ganzen zusammensetzt - mit einer für den Protagonisten wie auch die Leser überraschenden Erkenntnis.

Norbert Heinrich Holl studierte in Köln und Paris Jura, wechselte aber nach einer kurzen Zeit als Richter in Köln in den Auswärtigen Dienst. Sein Studium der arabischen Sprache am Middle East Center for Arabic Studies im Libanon schaffte die Voraussetzung für zehn Jahre diplomatische Dienste in verschiedenen islamischen Ländern. 1996 wurde er für zwei Jahre zum Leiter einer UN-Sondermission für Afghanistan berufen. Holl verbringt seinen Ruhestand in der Bretagne. Neben der Diplomatie gehörte seine Leidenschaft schon immer dem Lesen und Schreiben. 2002 berichtete er über seine Afghanistan-Erfahrungen (»Mission Afghanistan«). Seit 2008 hat Norbert Heinrich Holl mehr als ein Dutzend Romane und Erzählungen verfasst.

I


»Natt–tür–lich«, schleuderte Brigitte, meine spröde Nachbarin, mir über die Schulter zu. »Natt–turr–rell–le–ment. Die Primzahlen kennt doch jedes Schulkind.«

Ich war mir da nicht sicher. Denn sie bedachte Gilles, ihren Mann, mit einem Blick, der vielerlei Züchtigungen bedeuten mochte: Gehässigkeit, Verachtung, Überheblichkeit. Gilles ließ sich nicht beirren, rauchte bedächtig seine Pfeife, blätterte die ZeitungOuest France durch und rückte sich bequem im Ledersessel zurecht, ohne zu zeigen, dass er seiner Frau oder mir zuhörte. »Nicht wahr, da weißt du doch blendend Bescheid?«, fragte Brigitte diesmal mit scharfer Stimme und drehte sich zu ihrem Mann. Gilles war ein korpulenter Brocken aus Fleisch, der nicht leicht aus der Ruhe zu bringen war. Ich hatte beobachtet, dass er ständig eine Whiskyflasche in Reichweite hatte. Allmählich hatte ich den Eindruck, dass er mehr Whiskydunst einatmete als Sauerstoff. Er hatte sich in eine Dampfmaschine verwandelt, die nicht mehr abkühlte. Hingegen hing die glimmende Pfeife schlaff zwischen seinen Lippen. Träge Rauchspiralen stiegen zur Decke. Ich war überzeugt, dass er nicht einmal den französischen Namen der Primzahlen wusste. Ich war mir sogar sicher, dass mein Nachbar, der massige Monsieur Faure, sich mit den Primzahlen nie beschäftigt und auch niemals ein Buch des Mathematikers Euler in die Hand genommen hatte. Wahrscheinlich war ihm sogar der Name des Autors fremd, obwohl er sich in seinem wissenschaftlichen Rang mit Blaise Pascal messen lassen konnte. Gilles setzte ein abweisendes Trägheitsgesicht auf und las in der ZeitungOuest France Sport – angeblich hatte er in seiner Jugend Rugby gespielt –, Kreuzworträtsel und Aktien. Nicht einmal den heftig umstrittenen Schriftsteller Michel Houellebecq, von dem die Feuilletons voll waren, hatte Gilles gekannt, als ich vor einer Woche mit Brigitte über Bücher gefachsimpelt hatte. Und meine Nachbarin selbst? Hatte sie tatsächlich die Primzahlen durchdekliniert? Ich zweifelte. Mir jedenfalls war es schwergefallen, die unendliche Zahlenreihe