Am zweiten Montag im September neunzehnhundertfünfundsiebzig fing ich um zehn nach neun an zu arbeiten. Ich erinnere mich nicht deshalb daran, weil ich ein besonders gutes Gedächtnis hätte oder weil ich das, was mir passiert, in einem Tagebuch aufschreibe (mich haben Tagebücher oder Gedichte oder ähnlicher Kinderkram nie interessiert), sondern weil es mein letzter Tag in der Praxis war, bevor wir nach Spanien flüchteten. Gleich nach der Revolution im April des vorangegangenen Jahres bewachten bärtige Zivilisten und langhaarige Soldaten in zerschlissenen Tarnanzügen die Straßen, kontrollierten Autos oder defilierten in Scharen unter dem Kommando eines dieser unverständlichen Megaphone der Blindenlotterie, die der Marxismus-Leninismus wiederaufbereitet hatte, dort unten auf den Plätzen. Ähnlich wie die streunenden Hunde am Strand, die dicht am Meer entlangtrotten und einem imaginären Geruch folgen, versammelten sie sich auf den Bergen des Alentejo, um den Bauern unter einem staubigen Scheinwerfer den Sozialismus zuzubellen; sie durchstreiften das Land auf klapprigen Lastwagen und bedrohten die Ladenbesitzer mit den schielenden Pupillen ihrer Maschinengewehre, schlugen mit Gewehrkolben Haustüren ein und hielten Haftbefehle unter verblüffte Nasen. Was uns betraf, so besuchten wir sonntags die vom Schiffbruch der Familie übriggebliebenen Onkel und Tanten, die im Fort von Caxias wegen Wirtschaftssabotage einsaßen und zwischen den Gitterstäben der Zellen und den Achseln von Fallschirmjägern hindurch an der Mauer die Gezeiten des Tejo steigen und fallen sahen. Nur die Großmutter, die schon krebskrank war, schipperte aufs Geratewohl im Rollstuhl herum, hatte das kleine Transistorradio aufs schüttere Haar am Ohr gelegt und betrachtete lächelnd und ohne zu begreifen die Demokraten, die sich hin und wieder rempelnd durch den Korridor wälzten, mit den Pistolenläufen im restlichen Familiensilber herumstöberten und die seltsamen Reden der Blindenmegaphone wiederholten.
Seit April des vergangenen Jahres gingen Armee und Kommunisten an die Fassaden der Gebäude, hoben wie Tiere das Bein, um zu urinieren, und ließen die Wände mit gepißtem Es lebe und Es sterbe zurück, das sich widersprach und gegenseitig aufhob, später mit Plakaten für Streikversammlungen überklebt wurde, mit Fotos von Generälen, Propaganda für Rockkonzerte, Hakenkreuzen, Boykottaufrufen gegen die Regierung und Einladungen im Stil von Toilettengraffiti, verliebt verschränkten Buchstabenfingern, die der Herbst der Zeit ausblich. Trotz der in den Straßen patrouillierenden Polizeijeeps besetzten mit Töpfen und Stühlen beladene Zigeuner die leeren Wohnungen im Zentrum. In den verfallenen Häusern entstanden Kinderhorte mit Kindern, die auf dem Boden saßen und von Mörtelschuttsandwiches dick wurden. An den Straßenecken schauten uns mit Kohle gemalte Stalins angewidert an. Und der Fluß mit den reglosen Tankerfelsen unter der Brücke wurde in Caxias ohnmächtig, erstickt von den Flügeln der Vögel.
Am zweiten Mittwoch im September neunzehnhundertfünfundsiebzig fischte mich der Wecker um acht Uhr aus dem Schlaf wie ein Kran, der am Kai algenbepelzte Autos an die Oberfläche hievt, die nicht schwimmen können. Ich kam aus den Bettüchern, mir tropfte die Nacht aus Ärmeln und von den Füßen, bis der Kran meinen rostigen, triefäugigen, von Tränensäcken und Rheumatismus beuligen Leichnam auf dem Teppich neben den Schuh