: Yan Lianke
: Der Tag, an dem die Sonne starb Roman
: Matthes& Seitz Berlin Verlag
: 9783751809771
: 1
: CHF 18.00
:
: Gegenwartsliteratur (ab 1945)
: German
: 366
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
In einem kleinen Dorf in den Bergen, wie es in China zahllose gibt, lebt der vierzehnjährige Li Niannian mit seinen Eltern, die einen Bestattungsladen betreiben. Niannian bezeichnet sich als Niemand, »ein Staubkorn auf einem Haufen Sesam, eine Nisse auf einem Kamel, einem Ochsen oder Schaf«. Alle nennen ihn den dummen Niannian, doch gerade er wird zum unbestechlichen Chronisten der unheimlichen Begebenheiten, die sein Dorf heimsuchen und sich im Laufe einer zunehmend bizarrer werdenden Nacht zutragen. Zunächst bemerkt er ein seltsames Ereignis: Statt sich bettfertig zu machen, tauchen immer mehr Nachbarn auf den Straßen und Feldern auf und gehen ihren Geschäften nach, als wäre die Sonne noch nicht untergegangen. Ratlos bemerkt er, dass sie traumwandeln und dabei alle ihre Wünsche ausleben, die sie während der wachen Stunden unterdrückt haben. Immer mehr Traumwandler tauchen auf, und es dauert nicht lange, bis die Gemeinde im Chaos versinkt. Als der Morgen anbricht, die Sonne aber ausbleibt und die Nacht nicht zu enden droht, erhält das über Jahre von seinem Vater gesammelte Leichenfett der Kremierten eine neue Bedeutung, und es liegt nun an ihm und Niannian, die Stadt mit einem Sonnenaufgang in den neuen Tag zu führen.

Yan Lianke, 1958 in der Provinz Henan geboren, diente ab 1978 in der Volksbefreiungsarmee, an deren Kunsthochschule er Literatur studierte. Obwohl einige seiner Werke auf dem Index verbotener Bücher stehen, erhielt er zahlreiche chinesische Literaturpreise und war für viele internationale Literaturpreise nominiert. Er lebt heute in Peking.

Vorwort


Hört mein Geplapper

Hallo … Seid ihr da … Hört einer von euch mein Geplapper?

Hallo … Ihr Götter und Geister … Wenn ihr Zeit habt, kommt und hört mir zu … Auf dem höchsten Gipfel des Funiu-Gebirges knie ich, damit ihr meine Stimme hört. Einem dummen Kind werdet ihr doch sein Geschrei nicht übelnehmen?

Hallo … Ich spreche für ein Dorf. Für eine kleine Stadt. Für ein Gebirge. Und für die ganze Welt. Hier im Angesicht des Himmels knie ich, um euch etwas zu erzählen. Ich hoffe, ihr könnt meinem Geplapper und Geschrei geduldig zuhören. Seid nachsichtig mit mir, seid großmütig. Denn ich will euch von einer Sache erzählen so hoch wie der Himmel und so weit wie die Erde.

Viele in unserem Dorf sind deswegen gestorben. Viele in unserer Stadt. In unseren Bergen und jenseits der Berge sind im Albtraum dieser einen Nacht so viele Menschen gestorben, wie Weizenhalme gemäht wurden. Und so viele Menschen fristen noch immer ein kümmerliches Dasein in den Bergen und jenseits der Berge, wie Weizenkörner gekeimt sind.

Das Dorf und die Kinder. Die Berge und die Welt. Ihre Eingeweide, ihre Herzen und Lebern sind wie Papiertüt