Als Bismarck am 8. Oktober 1862 das Amt eines Ministerpräsidenten in Preußen übernahm, war seine programmatische Feststellung: „Die großen Fragen unserer Zeit werden nicht durch Majoritätsbeschlüsse gelöst werden, sondern durch Blut und Eisen.“ Es war eine Folge dieser Blut- und- Eisen-Diät, daß das deutsche Volk weniger an der Weltfriedensbewegung Anteil nahm, als man auf Grund des deutschen Beitrages zur Weltkultur in früheren Epochen hätte erwarten können. Man kann es nicht leugnen: im selben Verhältnis, wie Deutschland, militärisch erstarkt, zur Großmacht und ersten Macht des Kontinentes wurde, verringerte sich sein Ansehen als geistige Großmacht. Es gibt viele Beweise für diese These; einer davon ist die unglaublich zögernde Zurückhaltung, mit der in Deutschland die Menschen darangingen, den jahrtausendealten Traum vom ewigen Frieden zu verwirklichen.
In Westeuropa war in den sechziger Jahren eine starke pazifistische Bewegung entstanden, die durch die zwischen Preußen und Frankreich bestehende Spannung und die damit verbundene Kriegsgefahr noch vermehrt wurde. Preußen dagegen war damals schon nach einem kurzen liberalen Zwischenspiel zum Junkerstaat herabgesunken. Am 3. September 1866 hatte ein Teil der Liberalen des preußischen Landtages, durch den Sieg von Königgrätz geblendet, Bismarcks Verfassungsbruch durch die sogenannte Indemnitätsvorlage1 gedeckt und dadurch den deutschen Parlamentarismus erschlagen, bevor er noch den Kinderschuhen entwachsen war. Der deutsche Parlamentarismus, der damals vor dem Sieg der preußischen Waffen seine eigenen streckte, hatte dadurch ein gefährliches Beispiel für die Zukunft geschaffen: Die Gruppe liberaler Abgeordneter, die den Namen ihrer Partei auf national-liberal änderte, brachte damit die Unterwerfung der Idee unter den Nationalismus deutlich zum Ausdruck. Vom nationalen Liberalismus zum nationalen Sozialismus ist nur ein kurzer Weg.
Nach dieser freiwilligen Unterwerfung der Nationalliberalen unter das Joch des Militarismus gehörte großer Mut dazu, den Antrag zu stellen, den der berühmte Anatom und Arzt Virchow am 21. Oktober 1869 namens der Fortschrittspartei (der treugebliebenen Liberalen) im preußischen Landtag einbrachte, in dem es heißt:
„In Erwägung, daß die Höhe der Ausgaben des Norddeutschen Bundes wesentlich durch den Militäretat bestimmt wird, u