Was sollen wir von einem Dichter denken, der das «göttliche Duldungs- und Schonungs-Gefühl» preist, das man bei der Lektüre von LessingsNathan der Weise empfinde, aber einen wichtigen jüdischen Denker einen «Humanitätssalbader» nennt? Der mit einigen der bedeutendsten Juden seiner Zeit verkehrte, aber mit Wortverbindungen wie «Juden und Schelmen», «Juden und Huren» hantierte? Oder der aus Heilbronn schreibt, die Menschen seien «durchaus höflich und zeigen in ihrem Betragen eine gute natürliche stille bürgerliche Denkart», und dann im gleichen Atemzug mitteilt: «Es werden keine Juden hier gelitten»?
Ein heikles Thema
Goethe steht für viele Widersprüche; auch die Fachleute können nicht alle auflösen. Seine Haltungen zu zeitgenössischen Juden ändern sich ganz offensichtlich im Verlauf seines langen Lebens, vor allem unter dem Druck der erschütternden Revolutionsjahre mit ihren Folgen: Krieg und Nationalismus. Goethe hat sie aber auch – das wird auf den folgenden Seiten gezeigt – für die Öffentlichkeit anders als gegenüber Vertrauten ausgedrückt. Das Thema ist jedoch nicht nur ein biographisches oder literarisches (das zeitgenössische Judentum hat Goethe in verschwindend wenigen Werken behandelt). Denn Goethe ist nun einmal die wichtigste iden