: Nancy Mitford
: Schöne Bescherung auf Compton Bobbin
: Schöffling& Co.
: 9783731700081
: 1
: CHF 15.30
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: Hauptwerk vor 1945
: German
: 240
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Köstlich amüsant und very British: eine elegante Weihnachtsgesellschaft auf dem Land endet im Fiasko.  Der Schriftsteller Paul Fotheringay kann es nicht fassen: Nicht genug, dass ihn seine Angebetete Marcella verschmäht. Sein tödlich ernstes Romandebüt wird von der Presse als das lustigste Buch des Jahres gefeiert. Um zumindest seinen literarischen Ruf wiederherzustellen, recherchiert er für eine Biografie über die viktorianische Schriftstellerin Mary Bobbin und schleicht sich auf Compton Bobbin, dem Anwesen ihrer jagdbesessenen Nachfahrin, ein. Lady Bobbin organisiert dort eine Weihnachtsfeier mit wild zusammengewürfelten Gästen: Es treffen u. a. ihre rebellische Tochter Philadelphia, deren Schar an Verehrern und eine Horde ungezogener Kinder aufeinander. Und dann ist da noch Pauls Bekannte, die schöne Ex-Kurtisane Amabelle Fortescue, die ihre Feiertage zufällig in einem nahegelegenen Cottage verbringt ...  Je deutlicher wird, wie wenig die Gäste der Weihnachtsgesellschaft zusammenpassen, desto vergnüglicher die Lektüre: Nancy Mitfords zweiter Roman, erstmals 1932 veröffentlicht, ist ein köstlich amüsanter Ausflug in die Welt der Reichen und (nicht immer) Schönen. Mitfords bissiger Humor und Sinn für Situationskomik lässt kein Auge trocken.

Nancy Mitford wurde 1904 in London als älteste der später legendären Mitford-Schwestern geboren. In ihren Romanen beschrieb sie scharfzüngig das Leben der englischen und französischen Upper Class. Sie gehörte der Londoner Bohème an und war mit Evelyn Waugh befreundet, der sie zum Schreiben ermutigte. Der literarische Durchbruch gelang ihr allerdings erst 1945 mit ihrem Roman Englische Liebschaften. Mitford starb 1973 in Versailles.

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In der Tate Gallery gibt es einen Raum, der in diesen unbelehrbaren Zeiten kaum je gezielt angesteuert wird, sondern meist nur als Durchgang zu den französischen Gemälden der Sammlung von Sir Joseph Duveen dient. Viele Kunstliebhaber, die schon unzählige Male hindurchgeeilt sind, könnten vermutlich kein einziges der hier ausgestellten Glanzstücke der viktorianischen Kultur benennen, geschweige denn beschreiben, so sehr verweigert sich der menschliche Geist jenen Eindrücken, mit denen er nichts anfangen kann.

Und so war die Existenz dieses Raums auch Paul Fotheringay nicht bewusst gewesen, bevor er sich am2. November hier wiederfand. An diesem Tag nahm er zum ersten Mal die unansehnlichen großformatigen Werke der »Ein Bild sagt mehr als tausend Worte«-Schule wahr, die hier hingen, aufgelockert von ein paar drittklassigen Präraffaeliten und einigen sorgfältig ausgeführten Zeichnungen von Ruskin. Paul saß auf einer harten, blank polierten Bank und beobachtete eine ältere Dame, die mit mäßigem Erfolg versuchte, die hübschen, aber schlichten Gesichtszüge von Mrs Rossetti abzumalen. Denn es war Publikums-Maltag in der Tate. Paul fragte sich, wie die alte Dame es schaffte, die Farbe so wunderbar glatt aufzutragen. Sie war wirklich sehr geschickt. Bei seinen eigenen künstlerischen Versuchen mit Pinsel und Leinwand hatte er stets nur einen Haufen dicker Farbkleckse hervorgebracht, aber das war natürlich sein persönlicher Stil und, wie er meinte, kein ganz schlechter. Dennoch war er sich bewusst, dass er selbst mit größter Anstrengung die Farben niemals so ebenmäßig auftragen könnte, wie es der alten Dame scheinbar mit leichter Hand gelang.

Bald jedoch wanderten seine Gedanken von der Außenwelt zu seinem inneren Elend. Wenn ein Mann in den zwei wichtigsten Bereichen seines Lebens über das erträgliche Maß hinaus leiden muss, wenn monatelange Mühen Früchte tragen, die bitterer sind als ein Scheitern, und wenn sich im selben Moment auch noch seine Angebetete endgültig als aller Bewunderung unwürdig erweist, dann ist dieser Mann wahrhaft unglücklich.

Dies ging Paul durch den Kopf, und unter dem marternden Doppelblick von Mrs Rossetti grübelte er zum hundertsten Mal über die beiden Gründe für seine momentane Schwermut nach, nämlich das Verhalten seiner Verlobten Marcella Bracket sowie die Reaktion der Öffentlichkeit auf seinen ersten RomanKuriose Kapriolen, der in dieser Woche erschienen war. Es war schwer zu sagen, was ihn mehr verletzte. Das Echo auf den Roman wirkte auf den ersten Blick äußerst positiv. Selbst jene Kritiker, die nicht mit ihm in Eton oder Oxford gewesen waren, hatten das Buch ausführlich und überraschend einhellig gelobt; der Scheck, den er später von seinem Verleger bekommen würde, versprach deutlich größer auszufallen als jene, die (gottlob) so oft junge Autoren davon abhalten, jemals wieder den Stift aufs Papier zu setzen. Kurz, das Buch war unzweifelhaft ein Erfolg. Aber welches Lob, welche Aussicht auf klingende Münze konnte den unglücklichen Paul darüber hinwegtrösten, dass sein Buch, dieses Kind seiner Seele, in das er mehr als ein Jahr Arbeit gesteckt hatte, in das all die Verbitterung eines leidenden Gemüts geflossen war und das, wie er meinte, mit hingebungsvollem Ernst von den feinen Schattierungen der Psyche eines jungen Mannes erzählte und sich schließlich mit dem Selbstmordpakt von Held und Heldin zu einem fast unerträglich tragischen Höhepunkt aufschwang, dass dieses Buch von allen Seiten als das witzigste und absurdeste Werk der letzten Jahre bejubelt worden war. Er, der beim Schreiben nur ein einziges Ziel vor Augen gehabt hatte, nämlich von der kleinen Schar der Gebildete