Warum ist eine Raupe in Seide gehüllt, während sie sich in einen Schmetterling verwandelt? Damit die andere Raupe die Schreie nicht hört. Veränderung tut weh.
Rory Miller,Meditationen über Gewalt
Lower East Side, Manhattan
Gegenwart
Adrenalin ist das ultimative Schmerzmittel. Es wirkt nicht besonders lange. Doch in diesen weißglühenden Momenten, in denen einem eine Kugel in den Bauch dringt oder ein Messer sich einem in die Haut bohrt, spürt man erstaunlich wenig.
Adrenalin pfuscht auch mit dem Zeitgefühl herum. Bei den meisten Menschen ist, wenn der Schmerz kreischend nach Aufmerksamkeit verlangt wie ein hungriges Kleinkind, alles ein sinnloses Wirrwarr aus Gliedmaßen und Stöhnen. Die Welt bewegt sich doppelt so schnell, während man über seinem Körper schwebt und zusieht, wie der Irrsinn seinen Lauf nimmt.
Aber wenn man – wie ich – lange genug in diesem Geschäft ist, verwandelt sich die Zeit in etwas, was man in der Hand halten kann. Man kann sie drehen und wenden und aus allen Blickwinkeln betrachten. Schließlich muss man sich einigen Wahrheiten über sich selbst stellen.
Zum Beispiel, wenn man der Länge nach zwischen den zerschmetterten Überresten eines wackligen Klapptischs auf einem kalten Linoleumboden liegt, mit billigem Kaffee bespritzt und mit übriggebliebenen Donuts übersät. Man fragt sich, mit welcher seiner Sünden man verdient hat, dass dieser Mann einen vor die Brust getreten und durch die Luft geschleudert hat.
Als ich heute Morgen aufgewacht bin, dachte ich, dass ich kein Meeting bräuchte. Das sind aber genau die Tage, an denen ich eins nötig habe. Daher bin ich zu dem Keller von St. Dymphna auf der Lower East Side getrabt. Eine winzige Kirche, die so vergessen ist, dass sie ebenso gut aufgegeben sein könnte, und versteckt in der Wildnis unterhalb der Williamsburg-Brücke liegt.
Die Einzelheiten des Meetings sind nicht wichtig.
Wichtig ist, diesen Kerl davon abzuhalten, mich umzubringen.
Er ist so groß, dass man unwillkürlich überlegt, ob er den Kopf einziehen muss, wenn er durch eine Tür tritt. Rechtshänder. Nicht massig, aber die Adern an seinen Unterarmen sind erhaben wie Bergkämme auf einer Landkarte. Auf seinem linken Unterarm hat er ein Tattoo: ein einzelner schwarzer Punkt, der von vier weiteren umgeben ist, wie die Fünf auf einem Würfel. Sein dunkles Haar ist bis auf einen schwarzen Iro kurzgeschoren. Er trägt Cargohosen, schwarze Stiefel und ein dunkelblaues Thermo-Shirt. Ich erkenne den glasigen, abgestumpften Ausdruck in seinen Augen wieder, den ich jeden Morgen im Spiegel sehe. Könnte Russe sein. Er hat noch nichts gesagt, aber sein Tritt, seine Haltung und seine selbstzufriedene Zuversicht sprechen für Systema.
Mühsam stehe ich auf und achte darauf, nicht auf dem verstreuten Essen auszurutschen. Er ist ungefähr drei Me