JANUAR
Glücksbringer von Gloria
1. Januar
Gloria Estefan, Kuba/USA (*1957)
„Abriendo Puertas“
(Abriendo Puertas, Sony 1995)
Ein Buch mit Musik aus aller Welt sollte man standesgemäß auf einem anderen Erdteil beginnen. Für den Neujahrstag setzen wir also Segel in die Karibik, wo während der Weihnachts- und Jahreswendzeit ganz andere Lieder angestimmt werden als in unseren Breiten.
Wenn Sie wie ich in den 1980ern pubertiert haben, dann wird Ihnen auf Schuldiscos auch „Doctor Beat“ und „Conga“ von der Miami Sound Machine ins Tanzbein gefahren sein. Diese Phase hatte die Kubanerin Gloria Estefan allerdings schon hinter sich gelassen, als sie begann, auf verschiedenen Soloalben ihre Wurzeln auszugraben. 1995 veröffentlichte sieAbriendo Puertas, und dafür schöpfte sie aus dem Reichtum karibischer und südamerikanischer Klänge, baute mit ihrem Team um Ehemann Emilio aber brandneue Stücke aus diesem Fundus. Mit ihm will sie auch die Einheit Lateinamerikas hörbar machen.
So treffen im Titelstück Stile aufeinander, die ansonsten nicht unbedingt etwas miteinander zu tun haben – aber die Synthese gelingt perfekt: Die wiegenden Akkordeonlinien stammen aus dem kolumbianischen Vallenato, einer Musikform, die in der Atlantikregion und im Tal von Valledupar beheimatet ist. Und dann mischt Señora Estefan den Vallenato mit typischen Salsa- und Mambo-Farben: mit kehligen Antwortchören und einem knackigen Blechbläsersatz, der schließlich in einem atemberaubenden Trompetensolo gipfelt. Eine grandiose Art und Weise, das neue Jahr mit seinen Veränderungen hoffnungsfroh zu begrüßen.
Und jetzt, wo die Türen einmal so schwungvoll geöffnet sind: Herzlich willkommen im faszinierenden Reich der globalen Klänge!
Andalusische Friedenshymne
2. Januar
Enrique Morente, Spanien (1942–2010)
„Estrella“
(Despegando, CBS 1977)
1492: Kolumbus „entdeckt“ Amerika. In Europa allerdings beginnt das Jahr mit einem anderen bedeutenden Datum: Der letzte maurische Herrscher Boabdil übergibt am 2. Januar dem spanischen König Ferdinand V. die Schlüssel der Stadt Granada und der darüber gelegenen Festung Alhambra. Damit ist das Ende der arabischen Herrschaft auf der iberischen Halbinsel endgültig besiegelt.
Heute ist Granada vor allem für die Musik der Roma (3. September) bekannt, die in diesen Breiten Gitanos heißen. Bis spät ins vergangene Jahrhundert hinein wurden sie geächtet und sind auch heute oft noch marginalisiert. Ohne die Gitanos würde der Flamenco in der heutigen Form jedoch nicht existieren. Sein Zentrum in Granada ist der Sacromonte, ein Hügel hinter der Altstadt Albaicín, dort waren sie oft in Höhlen ansässig. Zwar existieren diese „Cuevas“ immer noch, sind aber meistens zu touristischen Flamenco-Restaurants umfunktioniert. Bis heute bringt der Sacromonte dennoch exzellente, weltweiten Ruhm erntende Flamenco-Musiker hervor. Und der Clan der Morentes ist nicht nur einer der bekanntesten, sondern auch künstlerisch sehr produktiv.
Schlendert man durch Granada, stößt man irgendwann auf einen Charakterkopf, der in einer eindrucksvollen Wandmalerei verewigt ist: Patriarch Enrique Morente, (†2010), Erneuerer des Flamenco-Gesangs, des Cante Jondo: Als Erster setzte er Verse des Dichters Federico García Lorca (19. August) zu Musik, schrieb eine Flamenco-Messe mit gregorianischem Choral, ging Teamworks mit den bulgarischen Frauenstimmen (27. November) ein. Eines seiner fantastischsten Stücke ist für mich die 1977 entstandene glühende Friedenshymne „Estrella“.
Stern, nimm mich mit in eine Welt mit mehr Wahrheiten,
Wir werden die schwarzen Wolken aufbrechen
die uns täuschen und verfolgen,
wir werden eine neue Welt ohne Gewehre oder Gifte öffnen.
Tropischer Schlummertrunk
3. Januar
Marcos Valle, Brasilien (*1943)
„Dorme Profundo“
(O Compositor E O Cantor, Odeon 1965)
Dass Sie gleich am Anfang dieses Kalendariums wegdösen, liegt mir fern! Aber heute, am Internationalen Tag des Schlafes, kann ich nicht widerstehen, Ihnen mein allerliebstes Schlummerlied vorzustellen. Es kommt aus Brasilien, wo jetzt gerade Hochsommer ist, und in der schwül-tropischen Mittagshitze kann man schon mal einnicken. Dann aber zumindest musikalisch kultiviert.
Marcos Valle gilt als der ewige Sunnyboy der B