Prolog
„Guten Abend, Tempelritter Deutschlands!“, ruft Sänger Joacim Cans in die volle Halle. „Wir sind HammerFall aus Göteborg, Schweden! Unsere Karriere begann vor zehn Jahren in diesem Land – und Köln war eine der Städte, wo wir gespielt haben!“ Die Menge grölt einhellig, reckt die Fäuste und drängt nach vorn, während die Band ihre Hymne „The Metal Age“ anstimmt.
Wir schreiben das Jahr 2007, und HammerFall sind in Deutschland, um ihre kürzlich erschienene Greatest-Hits-SammlungSteel Meets Steel – Ten Years of Gloryzur Feier ihres zehnjährigen Bestehens zu promoten. Das Kölner Gloria-Theater fasst nur tausend Zuschauer, und das Konzert ist als intimer, schweißtreibender Abend für eingefleischte Fans gedacht. Sie haben auf der Webseite der Band über die heutige Setlist abgestimmt und können die Mitglieder nach der Show treffen, um sich mit Autogrammen und Merchandise einzudecken. Die Eintrittskarten sind restlos ausverkauft.
Ein paar Stunden zuvor hat sich im hellen Nachmittagslicht vor dem Club ein buntes Publikum eingefunden: Achtzehnjährige in obligatorischen schwarzen Mänteln und Dr.-Martens-Stiefeln neben ergrauten Männern in Motorradjacken und Frauen um die dreißig, die angezogen sind, als kämen sie von der Arbeit in einer Bank. In einer Nebengasse begeht ein Typ seine private Konzertaufwärmparty, indem er eine Flasche Bier hinunterstürzt. Seine langen, zotteligen Locken verstärken den Eindruck, er sei gerade aus einem dreißigjährigen Winterschlaf erwacht, der in der Blütezeit des Heavy Metal begann. Auf seiner abgetragenen Jeansjacke stehen Bandnamen wie Accept oder Anvil, und sie könnte durchaus ein Relikt aus jener Blütezeit sein.
Im Gloria-Theater hat das Aufwärmritual für den Abend begonnen: Aus den vorderen Reihen ertönen Sprechchöre, die an ein Fußballspiel erinnern. Am häufigsten ruft jemand: „LET THE HAMMER …“, und der Rest der Menge entgegnet: „FALL!“ Obwohl sich die Band noch nicht gezeigt hat, liegt kinetische Energie in der Luft, als hätte die Show schon begonnen.
Mit schütterem Vokuhila, Schnurrbart, Brille und Jeansweste sieht der sechsunddreißigjährige Jörg aus Göttingen aus wie die Karikatur eines deutschen Metalheads. Mit breitem Akzent rattert er seine früheren HammerFall-Shows herunter: Dynamo Open Air in Eindhoven 1998, Rock Hard Festival im Frühjahr 2007 und so weiter. „Das Schlimmste an Köln ist das beschissene Bier“, findet er. Dann entschuldigt er sich – auch wenn er den Geschmack von Kölsch zutiefst verabscheut, braucht er echt noch ’ne Flasche.
Elisabeth aus Mississippi besucht den Auftritt mit ihrem deutschen Freund Jens. Sie hat HammerFall noch nie gesehen, schwört aber, dass sie den Look der Band liebt: das Leder, die Metallverzierungen. „Sie sind wie Götter“, sagt sie ehrfürchtig. Ihr Freund ist eher Black-Metal-Fan und deutlich weniger begeistert von den Schweden, obwohl er sie seiner Freundin schmackhaft gemacht hat. Elisabeth sagt, die Deutschen mit ihren begrenzten Englischkenntnissen würden HammerFall nicht vollständig verstehen. Sie ist nahezu überschwänglich. „Ich bin aufgeregt! Let the hammer fall!“
Als das Licht ausgeht, ist das kollektive Gebrüll so laut, dass der Saal zu erzittern scheint.
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Seit seiner Entstehung a