Kapitel 4: Die Einhornhaarnadel
Eine Woche nach ihrem Vertragsschluss mit Chloes Vater machte sich Mia auf den Weg ins Neumondviertel, um die Situation im Slum der kaiserlichen Hauptstadt erneut zu überprüfen. Sie war selbst auf die Idee gekommen und auf Ludwigs Anweisung hin begleitete sie diesmal ein zehnköpfiger Zug aus kaiserlichen Gardisten. Unzufrieden murrten einige Soldaten leise über ihre plötzliche Mission.
„Ganz ehrlich, manchmal ist Ihre Hoheit echt nervig. Warum will sie ausgerechnet in dieses Armenviertel, wo’s nur so von Kriminellen wimmelt ...? Das macht uns nur unnötig Arbeit.“
„Wie’s aussieht, will sie das Krankenhaus besichtigen, das sie hat bauen lassen. Wohl, damit’s nicht aussieht, als hätt sie’s nur für einen Beliebtheitsschub gemacht und es danach sich selbst überlassen. Das ist schon richtig clever von unserer Weisen des Kaiserreichs.“
Da ihre Köpfe rollen würden, wenn der Prinzessin etwas zustieße, wäre es den Gardisten lieber, sie bliebe einfach immer schön brav im Palast. Dann wäre es auch weitaus leichter, sie zu bewachen. Doch diesen Gefallen tat sie ihnen nicht.
Auf einmal wurden die spöttelnden jungen Männer von einem der erfahrenen Soldaten ermahnt, die Mia bei ihrem ersten Ausflug ins Neumondviertel geleitet hatten. „Hey, ihr Grünschnäbel, hört auf, so leichtfertig über eure Prinzessin zu nörgeln. Ich weiß, was ihr vom Adel haltet, aber Ihre Hoheit ist ... anders. Sie ist nicht wie der Rest der feinen Herr- und Damschaften. Solange ich hier die Aufsicht habe, werde ich deshalb nicht zulassen, dass ihr sie so verhöhnt. Haben wir uns verstanden?“
Für ihn verkörperte Mia drei Tugenden: Tapferkeit, Mitgefühl und Weisheit. Tapfer war sie, weil sie ohne zu zögern ihren Pflichten nachgegangen war, auch wenn sie dabei ein gefährliches Viertel hatte betreten müssen. Als mitfühlend hatte sie sich erwiesen, als sie sich um einen am Straßenrand liegenden Jungen gesorgt hatte und nicht davor zurückgeschreckt war, ihm aufzuhelfen – trotz des ganzen Drecks, der an ihm gehaftet hatte. Und wie weise sie war, hatte sich gezeigt, als sie umgehend ein Krankenhaus hatte errichten lassen, nachdem sie gewahr geworden war, wie dringend dieses im Slum benötigt wurde. Mit anderen Worten war seine Meinung von der Kaisertochter genauso aufgeblasen wie Ludwigs.
„Einen wunderschönen guten Tag, die Herren. Haben Sie herzlichen Dank für Ihr promptes Erscheinen“, grüßte Mia, die soeben eingetroffen war, die versammelten Männer.