Warum Rituale für mich wichtig sind
Nach einem persönlichen Verlust suchte ich Wege, um auf möglichst verschiedene Weisen in Verbindung mit meinem geliebten Menschen zu sein. Ich fand viele Möglichkeiten, wobei die Rituale einen ganz besonderen Platz im Prozess einnahmen, wie ich nach und nach merkte. Rituale sind per se von einem bleibenden Wert. Sie sind zugänglich und durchführbar, wann immer ich es möchte. Es gibt keinen „Trauerprozess“, der sich in dieser oder jener Weise entwickeln könnte, sondern im Gegenteil: Rituale trotzen den Prozessen, sie sind etwas ganz und gar Eigenes. Sie verdeutlichen den sichtbaren und gangbaren Weg, um der Verbundenheit und der Liebe, die bleiben, Ausdruck zu verleihen. Einen Ausdruck, der zu einem neuen Eindruck wird und welcher sich fortsetzt.
Die Trauer bringt alles durcheinander. Alles ist anders. Nichts kann je wieder so sein, wie es war. Vieles ist infrage gestellt. Die Strukturen zerfallen. Die Zukunft sieht ohne den geliebten Menschen unwirklich und düster aus. Das Lebensgefühl ist das eines verlorenen Kampfes, einer persönlichen Niederlage. Man fühlt sich so allein wie der letzte Mensch auf Erden. Ein Mensch, der untröstlich bleibt und dem nichts und niemand helfen kann. Außer, wenn die Umkehrung des Unumkehrbaren sich vollzöge.
Das Fühlen ist in dieser Zeit ein diffuses Durcheinander. Das Denken verkommt zu purem Chaos. Man fühlt sich ohnmächtig und spürt in sich die Lethargie und die Leere wachsen. Wünsche und Hoffnungen werden zu Hohlkörpern und man wünscht sich irgendetwas, das einem eine Stütze sein könnte. Die Lyrikerin Hilde Domin sprach von einer „Rose als Stütze“. Auch wenn wir diese Rose noch nicht sehen können, sie vielleicht nicht zu wünschen wagen, so hoffen wir innerlich doch, irgendetwas zu fassen zu bekommen, egal wie klein und zart es auch ist: einen Halm, ein undeutliches Zeichen, ein bisschen Ordnung, ein Mü Hoffnung. Man wünscht sich, wieder zuversichtlich zu sein, denn genau das ist einem anscheinend durch die Trauer und den Verlust abhandengekommen.
Vor allem fehlt einem die geliebte Person so unermesslich und unendlich. Wir möchten mit ihr im Austausch sein, mit ihr teilen. Wir vermissen ihren Beistand, ihren Rat oder ihre wohlwollende Art, die uns Sicherheit gab. Dass der geliebte Mensch physisch nicht mehr ist, ist schier oder überhaupt unbegreiflich und in gewissen Momenten kaum auszuhalten. Hier kann ein Ritual, das physischer Natur und in sich etwas Abgeschlossenes ist, das sich in Raum und Zeit abspielt, entgegenwirken. Es kann mich aus meinen inneren Räumen entführen und in neue Räume überführen – die da sind, wenn ich sie öffne.
Ich fand viele Wege, die gut für meine Trauer waren und sind, die sich weiterhin bewähren und die ich nicht missen möchte: Gespräche, innere bewusste Reisen, Meditieren, das Schreiben in vielen Formen, ob literarisch, ob als Tagebuch, in Zusammenfassungen meiner spirituellen Erfahrungen oder durch das Verändern alter Gewohnheiten. Doch es entwickelte sich in mir auch der große Wunsch nach Ritualen, insbesondere an speziellen Tagen, die ich mehr hervorheben, als dass ich sie vorbeiziehen lassen wollte. Zunächst war mir nicht bewusst, dass es Rituale waren, die ich suchte. Ich wollte solche Tage dann aber gestalten, ihnen Form und Absicht verleihen, sie in einen Ablauf betten, sie mit einem bestimmten Gefühl, einer Sprache jenseits der