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Als Misha das nächste Mal bei Lea zu Besuch war, war sie nicht mehr so nervös und freute sich insgeheim über das warme Mittagessen, das sie sicherlich bekommen würde. Sie betraten zusammen das Haus und legten im Eingang ihre Kleidung und Taschen ab. Misha atmete die Wärme ein, die sie umgab, denn mittlerweile war es tagsüber und besonders nachts kühl geworden und Misha fror fast immer in ihrem unbeheizten Keller. Sie setzten sich an den Tisch und Misha legte ihre Hände um die dampfende Tasse Tee, die vor ihr stand.
„Das ist Juri, mein Vater“, sagte Lea und zeigte auf einen Mann, der an den Tisch zu ihnen kam. Er hatte graubraune Haare, eine Brille, trug ein Hemd und hatte auf dem Gesicht einen nachdenklichen Blick.
„Hallo“, begrüßte er sie und setzte sich zu ihnen. Im nächsten Moment kam Marc mit einem Reis-Gemüse-Auflauf vor sich her tragend.
Alle unterhielten sich, doch Misha wurde das Gefühl nicht los, dass etwas in der Luft war. Etwas, das mit ihr zu tun hatte. Und es war nichts Gutes. Wieso sonst sollten beide Erwachsene, die Vollzeit arbeiteten, zum Mittagessen anwesend sein? Misha hing ihren Gedanken nach und sagte nicht viel. Das Essen schmeckte auf jeden Fall vorzüglich.
„Misha, wir wissen, dass du dich unregistriert in Mela aufhältst“, sagte Marc plötzlich und alle wurden still.
„Es ist auch an sich kein Problem, es gibt kein Gesetz, das es dir verbietet“, sprang ihm Juri bei und legte seine Brille vor sich auf dem Esstisch ab. „Es ist nur so, deine Eltern haben dich als vermisst gemeldet und es gab eine formelle Anfrage, ob du in unserer Stadt gesichtet wurdest“, er verzog gequält das Gesicht.
„Wir haben auf diese Anfrage noch nicht reagiert“, übernahm Marc. „Aber es gibt da ein Dilemma: Wenn ich als Mitarbeiter der Stadtverwaltung angebe, dass du dich hier aufhältst, dann heißt es, Mela hält eine Minderjährige von ihren Eltern fern. Wenn ich sage, dass du nicht hier bist und es kommt doch heraus, dann gibt es wieder ein politisches Fiasko“, er schaute bedeutungsvoll zu Juri rüber. „Und es sind ja nicht nur wir, die dich gesehen haben, da sind deine LehrerInnen, die SchülerInnen und so viele andere Leute. Früher oder später…“
„Ich werde nicht zurückgehen“, Misha verschränkte die Arme vor sich und lehnte sich zurück.
„Du kannst in fünf Jahren, sobald du volljährig bist, zurückkommen“, schlug Marc entschuldigend vor.
„So lange werde ich es in diesem Irrenhaus nicht aushalten“, brummte Misha.
„Ich kann mir vorstellen, wie es dir dort gehen muss“, sagte Juri sanft.
„Ja, du bist aber erwachsen“, erwiderte Misha in einem ungewollt schärferen Ton. „Ich habe meine Entscheidung getroffen, es gibt so oder so kein Zurück für mich.“
Es wurde still und sie alle schauten sich wortlos an. Lea kaute auf ihrer Unterlippe und schien fieberhaft zu überlegen.
„Ich werde eine Antwort auf die Anfrage deiner Eltern so lange wie möglich verzögern“, bot Marc schließlich an. „Aber ich weiß nicht, wie weit ich das hinausschieben kann.“
Es klingelte an der Haustür und Lea stand auf, um Steev und Lenn zu begrüßen. Marc machte sich daran, den Tisch abzuräumen.
„Juri, ich wollte dich noch etwas fragen“, murmelte Misha und lehnte sich zu ihm vor. Er zog die Augenbrauen hoch. „Ich weiß, ich bin erst in der siebten Klasse und noch weit von meinem Schulabschluss entfernt… Aber…“, sie räusperte sich und senkte die Stimme, „mein größter Traum ist es, ein Studium bei dir zu absolvieren, vielleicht jetzt schon damit zu beginnen“, sie lachte nervös. „Und dann meinen Abschluss zu machen, wenn ich alt genug bin, verstehst du?“
„Oh“, sagte Juri bloß und fuhr sich mit der Hand durch das Gesicht.
„Ich bin eine sehr gute Schülerin und würde mir die größte Mühe geben, mit dem Stoff mitzuhalten. Du weißt, unter den Unangepassten von uns in Jaku bist du eine absolute Koryphäe, du wirst fast heldenhaft verehrt…“
Juri winkte peinlich berührt mit der Hand ab.
„Und ich habe alles von dir gelesen, was mir unter die Finger kam. Ich liebe deine Theorien, ich liebe Verbindungen und Strömungen und Resonanz“, Misha spürte, wie ihr warm wurde. „Deine Schriften waren für mich immer wie ein Fenster in eine andere Welt, die mir die Hoffnung und Zuversicht gaben, dass ein anderes Leben möglich ist.“
Sie spürte wie ihr Herz heftig klopfte und sie mit ihren Händen auf dem Tisch unruhig hin und her fuhr.
„Bist du deswegen nach Mela gekommen?“, fragte er.
„Es war nicht der Hauptgrund. Ich möchte endlich ein freies eigenes Leben führen. Wenn das Studium nicht möglich wäre, würde ich trotzdem hier bleiben wollen und schauen, in welchem anderen Bereich ich mein Glück finde.“
„Okay. Ich lasse es mir durch den Kopf gehen. Es ist eine ungewöhnliche Anfrage, aber ich schaue, wie wir es realisieren können. Vor allem, weil du gar nicht hier sein dürftest“, er schaute mahnend.
„Danke“, Misha stand auf und lief in Leas Zimmer, wo Steev und Lenn auf sie warteten.
Es fiel Misha schwer, sich auf das Referat zu konzentrieren, mit all den neuen Informationen. Ihre Eltern suchten also nach ihr. Es war zu erwarten gewesen. Sie als Kind war ihnen nicht egal gewesen, keineswegs. Sie war eine wichtige Komponente bei der Kinderbetreuung und ihre Eltern hatten sie genuin geliebt, sie hatten sich wohl einfach darin überschätzt, wie viel Arbeit es bedeutete, Kinder zu haben und Kinder groß zu ziehen. Nicht nur in Bezug auf Zeit und Geld, sondern auch wie viel emotionale Arbeit notwendig war. Und das konnten sie nicht erbringen. Sie waren immer schon beide extrem distanziert gewesen, auch gegenüber sich selbst und einander.
Misha musste nicht lange raten, woher das kam, wenn sie an ihre Großeltern dachte. Für sie war auf jeden Fall klar, dass sie diese Abfolge von Lebenskonzeptionen nicht fortschreiben wollte. Etwas musste sich ändern. Ob sie davon träumen durfte, die nächsten fünf Jahre bis zu ihrer Volljährigkeit in Mela zu verbringen, das war eher unwahrscheinlich. Aber sie wollte es wenigstens versucht haben.
„Misha, was hattest du für die Präsentation vorbereitet?“, Lea riss sie aus ihren Gedanken.
Misha wurde der Unterlagen in ihren Händen wieder bewusst und blätterte darin herum, um ihren Beitrag herauszusuchen.
„Ich habe mich mit den Mythologien aus Jaku beschäftigt“, sie räusperte sich und überflog die von ihr ausgearbeiteten Notizen, „und habe versucht das Thema von allen Seiten zu beleuchten. Es gibt die Lesart, bei der man sich auf die Geschichten selbst einlassen kann und wirklich glauben kann, dass es einen Hausgeist gibt, dass in den wilden Flüssen weibliche Gestalten leben, die wunderschön singen können, dass durch den Wald ein männliches Wesen zieht und arglose Wanderer vom Weg abbringt. Diese Lesart hat eine…“, sie schaute sich im Raum um und suchte nach den richtigen Worten, „… eine naive, eine fast kindliche Komponente, was aber nicht abwertend gemeint ist, es ist irgendwie einfach nicht ausreichend für unsere Zwecke. Natürlich kann man auch die rationale Perspektive einnehmen, die mythischen Erzählungen sind dann eine bloße Kompensation für die Komplexität der Welt, die Leute wollen eine Erklärung für Geschehnisse finden, die schwer zu begreifen und zu verarbeiten sind. Zum Beispiel: Ein Kind ertrinkt in einem Fluss, die ganze Familie erkrankt plötzlich an einem schweren Infekt, die Ernte verdirbt, jemand geht beim Pilzesammeln verloren oder stirbt nach dem Genuss einer giftigen Frucht und so weiter. Diese ganzen Geschichten über Geister, Götter, Kräfte und Strömungen sind dann eine psychologische Hilfestellungen, um das Unbegreifliche zu begreifen. Aber…“, sie hielt eine Hand hoch und hielt inne, ihre Gedanken waren nicht mehr an die Blätter vor ihr gebunden, sondern ganz weit weg, „…ist das nicht auch eine allzu reduzierte Sichtweise? Fehlt da nicht etwas?“, sie rieb Zeigefinger und Daumen aneinander und verengte die Augen. „Ich finde, wir müssen bei diesem Thema noch etwas anderes sehen. Wäre es nicht spannend zu eruieren, inwieweit die Mythologien eine Erweiterung von Realität darstellen. Sie sind so gesehen Zugang zu einer schwammigen Sphäre, in der Träume, Wünsche, Hoffnungen, Sehnsüchte, Widersprüche, Imaginationen, Tagträume, Rätsel stattfinden, es ist die Sphäre, die traditionell von Religion besetzt ist, vielleicht ist die Religiosität in Jaku deswegen so stark? Sie steht auf einem Fundament der Mythologien, die in den Jahrhunderten vorher so stark verbreitet waren und jetzt noch am Rande ihr Dasein fristen. Ich finde sie aber sehr viel offener und weniger repressiv, weniger politisch...