2. Kapitel
Beck
»Wo bist du? Ich war gerade in deinem Büro, und es ist dunkel. Das Franklin-Meeting beginnt in zehn Minuten.«
Ich schaltete mein Handy auf Lautsprecher und legte es auf den Waschtisch im Bad, damit ich mich fertig rasieren konnte. »Ich bin in Idaho.«
»Idaho?«, fragte Jake. »Was zum Teufel machst du da?«
»Anscheinend ist Sun Valley ein beliebter Ort, um von den Klippen zu springen. Ich bin hier, um unsere Großmutter zur Vernunft zu bringen. Sie hat mich blockiert, sodass ich sie nicht mehr anrufen kann.«
»O mein Gott. Lass die Frau in Ruhe. Sie lebt ihr Leben und tut, was sie tun will.«
»Hat sie dir gegenüber jemals erwähnt, dass sie einen Wingsuit-Sprung machen will?«
»Nein, aber ich habe ihr wahrscheinlich auch nicht gesagt, dass ich letztes Jahr gern mit der Krankenschwester rumgemacht hätte, die sie im Krankenhaus betreut hat. Auf Familienfeiern erzählt man sich nicht alles.«
Mein Bruder machte sich um nichts Sorgen. Vielleicht, weil er erst dreiundzwanzig war und sich noch für unbesiegbar hielt. Zehn Jahre und eine Ehe zuvor hätte ich mir wahrscheinlich auch weniger Sorgen gemacht. »Ich glaube, die Freundin, mit der sie unterwegs ist, ist ein bisschen labil und treibt sie zu diesen verrückten Sachen.«
»Wie kommst du darauf?«
»Zum Beispiel, weil sie mir gestern geschrieben hat, ich sollte mal den Stock aus dem Arsch nehmen.«
»Grams Freundin schickt dir Nachrichten?«
»Gram hat mir für Notfälle ihre Nummer gegeben, kurz bevor sie mich blockiert hat.«
»Lass mich raten, und du hast sie benutzt, um diese nette alte Dame zu belästigen, weil du Gram nicht erreichen konntest?«
»Nette alte Dame?« Ich zog die Haut an meinem Hals straff und rasierte eine saubere Linie. Als ich an der Kurve meines Kinns entlangfuhr, schnitt ich mich.Verflucht. Dieser blöde, billige Hotelrasierer. Ich nahm ein Stück Toilettenpapier, um die Blutung zu stoppen. »Die nette alte Dame hat mir auch gesagt, ich sei ein grauer Streusel auf einem Regenbogen-Cupcake.«
Jake lachte. »Mann, sie hat dich voll durchschaut, und dabei ist sie dir noch nie begegnet. Du musst dich entspannen. Gram will nur ein bisschen Spaß haben. Wenn ich an ihrer Stelle wäre, würde ich lieber drei Monate leben, als ein Jahr auf den Tod zu warten.«
Ich runzelte die Stirn. Auf diese Debatte würde ich mich nicht erneut einlassen. Vor drei Wochen hatte man unserer Großmutter mitgeteilt, dass ihr Bauchspeicheldrüsenkrebs zurückgekehrt sei. Es war das dritte Mal innerhalb von zehn Jahren, und der Krebs hatte nun auch Metastasen in der Lunge und der Speiseröhre gebildet. Die Ärzte sagten, dass erneute Chemo und