: Felix Hutt
: Ein Mann, ein Jahr, kein Alkohol. Ein Experiment mit überraschenden Folgen
: Goldmann Verlag
: 9783641319908
: 1
: CHF 11.70
:
: Gesellschaft
: German
: 256
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
»Warum trinkst du denn nichts? Bist du krank?«

Am Abend seines 44. Geburtstags entschließt sich der Autor Felix Hutt, seinenAlkoholkonsum radikal zu ändern. Ein Jahr lang will er keinen Alkohol trinken: nicht beim Fußballschauen, nicht beim Feiern, auf keiner Hochzeit und auch nicht auf dem Oktoberfest. Was wird das mit ihm und seinem Umfeld machen, wenn er auf einmal mit einem Glas Wasser bei seinen Freunden in der Kneipe sitzt?

Hutt erzählt aus der Perspektive der bürgerlichen Mitte, die denAlltagsalkoholismus lebt, ihn aber nicht als ihr Problem anerkennen will.Alkis sind immer die anderen, nämlich die mit dem Tetrapak auf der Parkbank, nicht man selbst mit dem teuren Rotwein. Oder? Ein Bierchen in Ehren kann schließlich niemand verwehren. Aber ab wann werden es zu viele Biere, ab wann wird der eigene Alkoholkonsum gefährlich?

InEin Mann, ein Jahr, kein Alkoholstellt Hutt vor allem dasmännliche Trinkverhalteninfrage, den Gruppenzwang, die von den Vätern vererbten Verhaltensmuster. Während seineslangen Jahres des Nüchternwerdenswiderfahre ihm traurige, erschütternde, aber auch Mut machende Dinge, stolpert er und rappelt sich wieder auf. Er lernt seine Freunde neu kennen, vor allem aber sich selbst.

Authentisch, b>scharf beobachtetund mitschonungsloser Ehrlichkeitreflektiert Hutt sein Trinkverhalten, was es mit der Gesellschaft, in der wir leben, zu tun hat – und warum sich ein Umdenken für uns alle lohnen könnte.

Felix Hutt, geboren 1979, ist Autor und Investigativ-Reporter. Das Stilmittel des Selbstversuchs nutzt er seit Jahren für seine Reportagen, Bücher und Filme, um seine Recherchen auch für andere unmittelbar erfahrbar zu machen. In seinem neuen Buch Ein Mann, ein Jahr, kein Alkohol widmet er sich dem Alkohol, der Abstinenz und der Freiheit, die im Rausch der Nüchternheit liegt.

Kapitel 1
Charlie Sheen und der Anfang vom Ende

Ein paar Monate nachdem ich auf der Geburtstagsfeier für meine dreijährige Tochter an der Isar betrunken auf ein Weinglas gefallen war und den Rest der Party mit einer tiefen Schnittwunde in meiner linken Hand in der Notaufnahme im Krankenhaus verbracht hatte, traf ich noch einmal Charlie Sheen. Ich konnte nicht einfach in die Abstinenz verschwinden, ohne mich von ihm zu verabschieden. Charlie war mir über die Jahre ans Herz gewachsen, ein verlässlicher Freund geworden, der die richtigen Knöpfe drückte, so etwas wie mein perfekter Drink: Bourbon-Whiskey, Grapefruit- und Honigsirup, Blutorangensaft, geschüttelt und über zwei große, scharfkantige Eiswürfel gegossen. Ich trank den Sheen am liebsten hier, im Hey Luigi, einem meiner Stammlokale im Münchner Glockenbachviertel, wo er in einem eleganten Old-Fashioned-Glas serviert wurde. Eine leuchtend rote Schönheit, mein Charlie, da gab es keine zwei Meinungen.

Im Hintergrund schepperten die Smashing Pumpkins und Neil Young aus den Boxen. Auf dem Aufkleber über der Bar stand »Fuck AfD«. Eine Kneipe wie eine zweite Heimat – auf dein Wohl, Charlie! O Gott, wie würde ich diese sanften Anfänge eines Rausches vermissen. Das Herantrinken an die Aus-Taste, mit der ich meine Sorgen für ein paar Stunden abschaltete. Schluck für Schluck die Gedanken an meinen stressigen Alltag als Ehemann, Vater und Reporter, an den Druck, alles immer irgendwie unter einen Hut bringen zu müssen, hinter einem alkoholisierten Nebel versteckte. Charlie wirkte auf mich wie ein flüssiges Mental-Anästhetikum. Ihm gelang es, den Schleudergang in meinem Kopf zu besänftigen.

Es war der Abend des 31. Januar 2023, am nächsten Tag würde ich vierundvierzig Jahre alt werden. Ein Mann in der Mitte seines Lebens, bei sich angekommen, so mag ich auf meinem Barhocker auf die anderen Gäste gewirkt haben, aber in mir sah es anders aus. Ich ertrug mich nicht mehr. Diesen Typen, der soff, um zu verdrängen. Sorry, Charlie, aber was hätten wir uns denn ohne deinen Promillegehalt zu sagen? Warum saß ich mit dir herum, am Abend vor meinem Geburtstag, und war nicht zu Hause, bei meiner Frau, meiner Tochter, unserem Hund? Sehnte ich mich nach dir, nach unserer Freundschaft, oder war ich längst abhängig von deinem Stoff, dem Alkohol?

Ich brauchte dringend eine Veränderung. Wollte aufhören mit dem Betäuben, einen neuen Takt in mein Leben einziehen lassen. Meine Tochter sollte ihren Vater nie wieder in einem so desolaten Zustand wie auf ihrer Geburtstagsfeier erleben müssen. Draußen blies ein eisiger Wind durch die Straßen.

Die ersten Schlucke gingen dermaßen schnell runter, dass ich wünschte, ich hätte mir gleich zwei Charlie Sheens bestellt. Einen gegen den Durst und einen zweiten, um den einsetzenden Rausch zu beschleunigen. Begann der Alkohol erst mal das Chaos zu beruhigen, löste bald betrunkene Euphorie meine problembehafteten Grübeleien ab; ein scheinbar sorgloser Zustand, nach dem ich, ja, wahrscheinlich süchtig geworden war. Ohne Charlie kam ich manchmal mit meinem Leben nicht klar. Doch mit ihm verschwanden meine Probleme auch nicht, im Gegenteil, verkatert bedrückten sie mich noch mehr.

Ich fühlte mich hilflos. In einer Sackgasse. Gefangen in meinem Alltagsalkoholismus. Machte weiter, streckte meine Saufabende mit Charlie Sheen und anderen Drinks bis tief in die Nacht. Am Tresen genügte ich mir selbst, auch wenn es mit gleichgesinnten Freunden natürlich noch mehr Spaß machte. Gleichgesinnt im Sinne von parallelem Promilleaufbau.

Von den vielen Wegen zum Rausch gefiel mir der mit meinem Freund Charlie am besten. Der Bourbon wärmte mir den Magen, und der Blutorangensaft sorgte für ein erfrischendes Gefühl im Mund, leicht und fruchtig, ganz anders als die Sturzbetankungen mit Bier, bei denen sich nach einer Weile ein ranziger Geschmack im Gaumen ausbreitete, oder die bitteren Abgänge der Negronis oder Mezcals.

Wenn ich ehrlich war, und das traute ich mir bislang noch nicht einmal selbst so richtig einzugestehen, bekamen mir die meisten alkoholischen Getränke eigentlich gar nicht. Auf Champagner folgte Sodbrennen, egal, wie exquisit der Jahrgang und d