Prolog
Donnerstag, 21. April 1887
»Eddi!«
Der unterdrückte Ruf und ein Rütteln an der Schulter weckten ihn nur langsam aus seinem traumlosen Schlaf.
»Eddi, wach auf!«
Verstört wandte er sich in der Dunkelheit in die Richtung von Paule, der ihn immer stärker schüttelte. Er spürte den Atem des Kumpans an seinem Ohr, eine abstoßende Mischung aus Fäulnis und zu viel von dem billigen Kümmel, den sie bis spät in die Nacht zusammen getrunken hatten.
Eddie wich mit dem Kopf zurück. »Was ist denn los?«
»Psst«, flüsterte Paule alarmiert. »Da ist jemand.«
»Paule, glaub mir, hier kann niemand sein.«
»Wir sind doch auch hier.«
Diesem Argument konnte Eddi sich nicht verschließen. Schwerfällig stemmte er sich in eine sitzende Position und lauschte in die Dunkelheit.
»Ich kann nichts hören«, sagte er nach ein paar Sekunden kraftlos und ließ sich wieder zu Boden sinken. Die Kälte aus dem Fundament kroch durch seine Decke und drang durch die feuchte Kleidung. Das war Gift für sein Bein. Er versuchte, den Schmerz nicht zu beachten. Am besten wäre jetzt ein Schluck aus der Pulle, aber die hatten sie längst ausgetrunken.
»Doch, da war was«, beharrte Paule, immer noch flüsternd. »Hier ist eben einer vorbei!«
»Das hast du bestimmt nur geträumt«, versuchte Eddi, ihn zu beschwichtigen. »Oder es war eine Ratte, die …«
Er stockte und setzte sich wieder aufrecht. Ein leises, entferntes Quietschen drang an seine Ohren. Wie von einer nicht geölten Tür. Schon war es wieder still. Vielleicht ein Wachmann? Oder ein Säufer, der – ebenso wie sie – bei diesem Dreckswetter einen trockenen Unterschlupf suchte? Beides war nicht gut, denn beides versprach nichts als Ärger. Auf jeden Fall mussten sie sich bereit machen, das alte Kontor notfalls schnell zu verlassen.
»Was sollen wir jetzt tun?«, wollte Paule wissen. Er war zwar der Ältere von ihnen, überließ Entscheidungen aber gerne seinem Kumpel.
Eddi zuckte mit den Schultern, doch dann wurde ihm bewusst, dass Paule das in der Dunkelheit nicht sehen konnte. Sie brauchten Licht. Er tastete nach den Phosphor-Streichhölzern in seiner Tasche und der kleinen Petroleumlampe, die neben seinem Kopf stehen musste. Es dauerte einen Moment, bis er den Zündkopf entflammt hatte und beißender Rauch aufstieg. Dann öffnete er das Frontglas der Lampe und hielt die schon wieder kleiner werdende Flamme an den Docht. Das Feuer fraß sich bald fest.
Ein schwacher rötlicher Schein beleuchtete Paules schiefe Visage. Mit zusammengekniffenen Augen starrte er Eddi fragend an. Seine Tränensäcke warfen lange Schatten über die Wangen bis zu seinem schmutzigen Bart.
»Wenn es ein Wachmann ist, müssen wir vielleicht rennen«, sagte Eddi. »Mach dich fertig. Aber leise!«
Er stellte seine Stiefel bereit und stemmte sich mithilfe seiner alten Krücke hoch. Dieser verdammte Schmerz! Es kam ihm vor, als würde sein Bein immer steifer. Er glitt in das Schuhwerk, während Paule hektisch die Decken zusammenrollte.
Beide verharrten gleichzeitig in ihrer Bewegung, wie eingefroren. Da war es wieder. Dieses Quietschen. Ein Blick zu Paule bewies ihm, dass der alte Säufer es ebenfalls gehört hatte. Eddi legte einen Finger auf die spröden Lippen.
Klock, klock, klock … Schritte. Schwere Schritte, die sich ihnen näherten. Er presste erneut den Zeigefinger auf den Mund. Paule nickte stumm und biss sich auf die Unterlippe.
Die Schritte wurden immer lauter. Schwere Sohlen hallten auf kaltem Stein. Eddi konnte das Weiße in Paules Augen erkennen. Schnell breitete er eine Wolldecke über die Lampe, bis nur noch ein tiefroter Schein durch das dichte Gewebe drang. Es sah aus wie ein letztes Stück Glut in der Asche eines Lagerfeuers. Licht verströmte sie keines mehr. Eddi starrte trotzdem wie e