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Bernadette
Vor nicht einmal einer Viertelstunde hatten die letzten Gäste das Fest verlassen, und die Familie hatte sich in den Salon zurückgezogen, um auf die gelungene Veranstaltung zu trinken – eine Tradition, die sie in München gepflegt hatten und die sie auch in Wien nicht missen wollten.
Freude und Unsicherheit vollführten in Bernadettes Herz und Kopf ein Pas de deux. Eine lange nicht gekannte Seligkeit erfasste sie, wenn sie daran dachte, wie sich ihr Alltag in den nächsten Tagen ändern konnte, doch die Angst, Vater könne sich gegen diese Tätigkeit aussprechen, hinderte sie daran, das Wohlgefühl auszukosten.
»Meine Lieben!«, begann Rudolf von Althenau und ließ es sich nicht nehmen, selbst die Champagnergläser zu füllen. »Was für ein fulminantes Fest! Was für ein außergewöhnliches Vergnügen! Nun sind wir angekommen. Tatsächlich angekommen.« Er hielt inne, als würden ihn die Umstände, weshalb sie München so fluchtartig hatten verlassen müssen, heimsuchen, doch dann schüttelte er den Kopf, und das Strahlen trat wieder auf sein Gesicht. Er reichte seiner Frau ein Glas. Diese nahm es und lächelte angespannt. Wann würde sie die Neuigkeit ansprechen? Bernadette vermutete, dass sie den Vater erst noch ein wenig in seiner Glückseligkeit schwelgen lassen wollte, in der Hoffnung, diese werde seine Reaktion, die sie erwarteten und auch fürchteten, etwas mildern. Seine schlechten Erfahrungen mit der höfischen Welt beeinflussten bisweilen sein Denken und Handeln.
Er bedeutete Desirée, die Gläser an die Schwestern zu geben. Diese rollte mit den Augen und presste die Lippen fest aufeinander. Mach jetzt bitte keinen Aufstand, dachte Bernadette und beobachtete, wie ihre Schwester das Tablett mit den Gläsern aufnahm. Tatsächlich schien diese ihren Unmut aber herunterzuschlucken und reichte Charlotte, Antonia und ihrem Ehemann Benedict, die heute in ihrer Stadtwohnung nächtigen wollten, jeweils ein Glas.
»Vielen Dank, Desirée«, sagte Bernadette, als sie ihr Glas entgegennahm, und lächelte über die Maßen verbindlich. Ihre Schwester glich in den letzten Wochen einem emotionalen Überraschungspaket. Man konnte sich nie sicher sein, welche Reaktion einen erwartete. Eine freundlich geäußerte Bitte konnte ein Achselzucken oder ein Murren auslösen. Mutter hatte aber schon die eine oder andere unziemliche Bemerkung geerntet, und dem Dienstmädchen hatte sie gar die Tür ins Gesicht geknallt. Hoffentlich hielt sich Desirée jetzt zurück. Bernadette beobachtete, wie die Schwester das Tablett abstellte und sich selbst das letzte Glas nahm. Normalerweise hätte sie dies nicht gedurft. Doch Bernadette sah, wie Mutter diese Grenzüberschreitung registrierte und nicht ahndete, wahrscheinlich wollte auch sie jegliche Eintrübung der Stimmung vermeiden.
Vater hob nun sein Glas. »Mögen uns weiterhin so frohe Zeiten in Wien beschert sein! Ihr habt alle brilliert, meine lieben Töchter. Und ich bin mir sicher, dass mein Witz und meine Geschichten die Gäste blendend unterhalten haben. Ursula, bravissimo, das hast du gut gemacht.«
Antonia und Benedict wechselten einen Blick, vermutlich ob der Selbstbeweihräucherung des Vaters oder vi