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Die Holmes-Connection
»Die Welt ist voller Offensichtlichkeiten,
die niemand je bemerkt.«
Sherlock Holmes,Das Geheimnis von Boscombe Valley
1893 hatte die Begeisterung für Sherlock Holmes höchste Höhen erreicht. Es schien, als sei die ganze Welt dem führenden »beratenden Detektiv« verfallen – mit einer beachtlichen Ausnahme: seines Schöpfers, Arthur Conan Doyle.
Der Grund für Doyles zwiespältiges Verhältnis zu seiner Figur war sein Bestreben, als mehr angesehen zu werden als nur ein Schreiberling von Kriminalgeschichten. Sein großer Traum war es, ausladende historische Romane zu schreiben, als eine Art Walter Scott seiner Zeit. Die Geschichten rund um Sherlock Holmes gingen ihm fatalerweise leicht von der Hand; gut bezahlte Bagatellen, die ihn von ernsthafteren Arbeiten wie den RomanenMicah Clarke undWhite Company abhielten. Während er am laufenden Band Geschichten mit Holmes’ Meisterleistungen ablieferte, um die gierige Leserschaft desStrand Magazine zufriedenzustellen, wuchs sein Frust darüber, dass man ihn in eine bestimmte Schublade steckte. Würde ihm dieses vermaledeite Blatt nur nicht so viel Geld nachwerfen, damit er immer noch mehr von diesen Reißern schrieb!
Um sich von der Tyrannei seines fiktionalen Geschöpfs zu befreien, sah Doyle, wie ein geistig umnachteter Krimineller, nur einen Ausweg. Er plante, Holmes an einem Wasserfall in den Alpen in den Tod zu stoßen. Noch bevor das Jahr zu Ende ging, sollte die Tat vollbracht werden. In der GeschichteDas letzte Problem sollte Holmes am Reichenbachfall in den Schweizer Alpen in die Tiefe stürzen, und dieser Sturz sollte ihm zum Verhängnis werden. Ein literarisches Ereignis, das eine gewaltige Erschütterung darstellen und zahllose Leser sprachlos machen würde. Und so kam es auch: Nachdem die Geschichte veröffentlicht worden war, versammelten sich in London vor dem Redaktionsgebäude desStrand Magazine zahlreiche junge Männer, die zum Zeichen ihrer Trauer schwarze Armbinden trugen.
Doch gerade als Doyle seinen berühmtesten Sohn in die Geschichte eingehen lassen wollte, rückten die beiden Männer, an die Holmes so stark angelehnt war wie an sonst niemanden, massiv ins Bewusstsein der Öffentlichkeit: zwei Beteiligte in dem Prozess, der über Jahre hinweg der am meisten diskutierte Mordprozess in der wirklichen Welt war, dem Verfahren gegen Alfred Monson. Das ohnehin schon fieberhafte Interesse daran wurde nun noch dadurch gesteigert, dass einer dieser beiden, Joseph Bell, kurz zuvor als einflussreichstes Vorbild des allseits geschätzten Bewohners der Baker Street 221b »geoutet« worden war. Dass nicht auch Henry Littlejohn in dieser Rolle gesehen wurde, belegt, wie nüchtern Bell und Littlejohn bei ihren Ermittlungen zusammenarbeiteten. Aber wie war es dazu gekommen, dass sich die Wege von Bell, Littlejohn und Doyle gekreuzt hatten?
Ihre gemeinsame Geschichte beginnt im Jahr 1876 an der Universität von Edinburgh, als Doyle dort sein Studium der Medizin aufnimmt. Bell und Littlejohn gehörten zu diesem Zeitpunkt bereits zu den angesehensten Mitgliedern der Fakultät.
Bell, geboren 1837 in Edinburgh, stammte aus einer renommierten Medizinerfamilie. Daher war es nahezu unausweichlich, dass er beruflich in die Fußstapfen seiner Altvorderen trat, und darüber hinaus besaß er (als Praktiker wie auch als Lehrer) ein natürliches und geradezu atemberaubendes Gespür für dieses Fach. 1859 schloss er sein Studium an der medizinischen Fakultät der Universität ab und arbeitete anschließend bei Professor James Syme – einem der großen Vorreiter der Chirurgie jener Zeit – als Assistenzarzt. Schon bald, im Alter von nur sechsundzwanzig Jahren, wurde er damit betraut, an der Universität Kurse in systematischer und operativer Chirurgie zu koordinieren.
Beachtlicherweise ließ er auch nach diesem fulminanten Beginn seiner Laufbahn nicht in seinem Eifer nach. Mitte des 19. Jahrhunderts war Edinburgh ein Zentrum der fortschrittlichen Medizin sowie sozialer Reformbewegungen, und als immer mehr Altgediente wie Syme in den Ruhestand gingen, wurde Bell nach und nach eine der treibenden progressiven Kräfte. Nicht nur bildete er seine Studenten auf höchstem Niveau aus, sondern er war auch darum bemüht, die Arbeitsbedingungen in der Medizin weiterzuentwickeln und zu verbessern. So setzte er sich etwa ganz besonders für die Krankenschwestern ein; er erkannte, wie wichti