Foto: © Christian Rudnik / BILD
„Dann antworten Sie jetzt bitte mit Ja!“ Freudestrahlend und mit vor Aufregung rotglühenden Wangen saß ich neben meinem zukünftigen Ehemann im kleinen urigen Standesamt mit den schönen Malereien an den ungleich verputzten runden Wänden. Nur wenig Licht und Luft kam durch die kleinen vergitterten Fenster. Der Raum befindet sich über dem Tor vom Marktplatz zum Postplatz in Wangen im Allgäu und ist gerade mal so groß, dass nur etwa 20 Personen darin Platz finden können. Die Hälfte unserer eingeladenen Gäste musste im großen davorliegenden Trauzimmer warten und die Zeremonie durch die nur einen Spalt geöffnete Tür verfolgen.
Welchen großen Schritt würden wir nun wagen? Meine Hand glitt an meinem cremefarbenen Satinbrautkleid den langen bis unter die Brust reichenden Ausschnitt herunter. Die Fingernägel waren genauso perfekt gestylt wie mein Make-up und meine Hochsteckfrisur. Wir würden eine tolle und sehr glückliche Ehe führen, da war ich mir sicher. Hinter mir stand meine Mutter und machte ebenso wie die gerade zwölfjährige Tochter meines Mannes eine auffordernde Bewegung mit den Augen und den Händen. Die drei großen Kinder meines Mannes hatten mich gut akzeptiert, wir würden uns gut verstehen, auch wenn sie alle drei bei ihrer Mutter lebten, was meinem zukünftigen Mann das Herz brach. Er hatte als Manager in der Luftfahrtbranche sowieso viel zu wenig Zeit und war durch seine ständigen Geschäftsreisen dauernd unterwegs. Mich störte das nicht, denn als seine Assistentin unterstützte ich ihn beruflich wo ich nur konnte. So wusste ich auch immer, wo er sich rumtrieb und wann er nach Hause kommen würde, das war sicher ein Vorteil, den seine erste Frau nicht hatte. Mein zukünftiger Mann war ein toller Chef. Er vertraute mir und er schätze mich als Person, er schätze meine Arbeit ungemein und ließ mich das gerne und oft wissen. Eine solche Wertschätzung kannte ich bis dahin in meinem Leben gar nicht, weder privat noch beruflich. Er sah mich – und das liebte ich an ihm. Ich erschrak kurz, als mein Mann meine Hand in seine leicht zittrigen Hände legte. Wir waren nervös, ich sah kleine Schweißperlen auf seiner Stirn. Der braune leicht schimmernden Anzug mit dünnen Streifen passte gut zu seiner dunkelbraunen dichten Haarpracht – er sah sehr attraktiv aus. Mein zukünftiger Ehemann schaute mich liebevoll an und nickte kaum merklich. Die Luft in dem kleinen prall gefüllten Raum wurde schwerer. Er war der Richtige für mich: „Ja, ich will“ sagte ich sicher und unterschrieb die Urkunde zum ersten Mal mit meinem neuen Namen.
Ich lernte meinen Mann in einem Bewerbungsgespräch in einem großen Unternehmenskonzern im Jahr 2006 kennen. Er war der Chef und ich sollte seine Assistentin werden. Schon während dieses ersten Gesprächs dachte ich mir, er sei ein attraktiver Mann. Als ich erfuhr, dass er verheiratet war, beruhigte mich das, denn so waren die Grenzen von Anfang an klar gesetzt. Ich hatte einen Freund und er führte, soweit ich das während unserer Zusammenarbeit mitbekam, eine glückliche Ehe – bis zu dem einen Tag. An diesem Tag konnte ein Blinder mit Krückstock sehen, dass mit ihm etwas nicht in Ordnung war. Es stellte sich heraus, dass seine Ehe am Vorabend prompt und für ihn vollkommen unerwartet durch seine Frau beendet worden war. Etwa zeitgleich verstarb mein Vater und über die Gemeinsamkeit der Verluste kamen wir uns schlussendlich näher. Er suchte eine neue Frau und ich hatte keinen Freund mehr…
Am 11.07.2009 heiratete ich also meinen eigenen Chef. Wir bekamen zwei gemeinsame Söhne (*2010 und *2012) und mein Mann brachte drei Kinder mit in die Ehe: den älteren Stiefsohn (nennen wir ihn Josua), die Stieftochter (nennen wir sie Elisa) und den jüngeren Stiefsohn (nennen wir ihn Joel). Wir hätten eine tolle Patchworkfamilie im gehobenen Mittelstand werden sollen, aber es kam wirklich alles anders als geplant.
Als wir heirateten, hatte jeder von uns seine eigenen Träume über unser zukünftiges Eheleben. In Deutschland sind solche Erwartungen fast immer positiv geprägt, man freut sich auf die gemeinsame Zukunft. Nicht immer werden die Träume und Erwartungen zur Ehe und zum Eheleben gemeinsam besprochen. Vor allem eine konkrete finanzielle Lebensplanung nach der Geburt von Kindern gibt es oft nicht oder nur ansatzweise. Frisch gebackene Eheleute vertrauen auf die Liebe, aber die Ehe ist weit mehr als eine Institution der Liebe: sie begründet„neue Rechte und Pflichten für die Partner […] auf eine Art Vertrag. […] Meist kommt der Ehe die Aufgabe de