KAPITEL 1: EIN ÜBERBEZAHLTER KANARIENVOGEL
»Es ist alles bereit, Lady Trent.« Der Mann von der Wächter-Gilde macht einen Schritt zurück und stellt seinen Speer auf dem Boden ab.
Ich nicke ihm zu und lasse mir von dem anderen eine Fackel reichen. Vorsichtig hebe ich den Saum meines Rockes und steige die frisch geschlagenen Treppen hinunter, um den neuen Gang zu inspizieren, den die Minenarbeiter geschlagen haben. Schon seit einigen Monden wurde gesprengt und gegraben, damit wir nun endlich in die tieferen Ebenen der Mine vordringen können. Meine Aufgabe ist es, sie zu überprüfen – auf Goldvorkommen, Diamanten und was man noch so alles unten in den Gesteinsschichten finden kann. Fossilien, Drachenglas, Junirs Klauen. Einmal habe ich eine ganze Stadt freigelegt, die anscheinend von einem Vulkanausbruch verschluckt wurde. Allerdings muss dieser Jahrtausende her sein, denn unter den Nachtbergen gibt es keine Magmakammern mehr.
Ich steige tiefer und man schließt die Tür hinter mir. So steht es im Protokoll und an das halte ich mich. Wenn ich nicht zurückkomme, dann wissen sie, dass sie diesen neuen Arm schnellstmöglich sprengen müssen, um zu verhindern, dass das, was mich holte, an die Oberfläche dringt.
Anjali sagt dazu:Du bist ein ziemlich überbezahlter Kanarienvogel. Aber ich bin die Gilden-Geologin der Flammenträger und damit ist es meine Pflicht, diese Aufgabe zu übernehmen. Dann bin ich eben ein überbezahlter Kanarienvogel. Na, und?
Und streng genommen bin ich auch nicht die Erste, die hinuntersteigt. Die Arbeiter erledigen das, wenn sie die Stollen ausbauen. Ich bin nur dafür da, Proben zu nehmen und das Gestein nach Auffälligkeiten zu durchsuchen. Zwei Tage und zwei Nächte nehme ich mir dafür. Ich schlafe in dem neuen Stollen und markiere anschließend wichtige Gesteinsadern und gebe den Weg für die tieferen Ebenen hervor. So ist die Honlai-Mine unter meiner Leitung schon hunderte Meilen in die Tiefe gewachsen und darauf bin ich sehr stolz.
Ich liebe diese Momente. Wenn ich allein mit dem Herz der Berge bin und die Schwingungen wahrnehme, die sich um mich herum entfalten. Es ist, als ob das Gebirge zu mir spricht. Klar, das liegt an meiner Magie, aber trotzdem glaube ich manchmal mit einem selbstständigen Wesen zu reden. Es ist, als wenn man einen guten Freund besucht und ihn jedes Mal ein bisschen besser kennenlernt.
Ich entzünde zwei der Honigfackeln an der Treppe und stehe dann unten auf einem Plateau, das gut und gerne zwei riesige Dampfmaschinen fassen könnte, die in den Minen wertvolle Rohstoffe abzutransportieren. Hier werde ich auch mein Lager aufschlagen und heute Abend meine ersten Zeichnungen beginnen, um den Ausbau voranzutreiben.
Die Zukunft der Flammenträger hängt von unseren Erfolgen in den Minen ab und ich will, dass wir unabhängig von den anderen Clans bleiben und vor allem konkurrenzfähig. Es dreht sich vieles nur um Gold, aber die Clans von Ashitara streiten seit jeher um die Vorherrschaft und ich will nicht schuld daran sein, wenn die Flammenträger ins Hintertreffen geraten.
Ich werde heute Nacht im Traum die ersten Skizzen übergeben, damit die Clanältesten eine Ahnung davon haben, was unter den Nachtbergen lauert. Meine fertige Karte erhalten sie erst nach meinem Aufenthalt in den Honlai-Minen.
Ich erreiche ein kleines Lager, das man mir bereitgemacht hat. Ein Feldbett, eine Feuerstelle, ein paar Lebensmittel, meine Zeichenutensilien und geologische Messinstrumente befinden sich dort fein geordnet, so wie ich es haben möchte. Die Wächter-Gilde hat es mit mir und meinen Anordnungen manchmal nicht einfach. Und da ist sie auch – die Sanduhr, die angibt, wann ich wieder oben sein muss, um den Teil der M