1.Kapitel
„Nein, natürlich kannst du nichts dafür, das kann jederzeit passieren.“ Chiara legte ihren Arm um die schluchzende junge Assistenzärztin. Es war an ihr wohl vorbeigegangen, dass der gerichtliche Beschluss für die geschlossene Unterbringung des suizidgefährdeten Patienten verlängert worden war. Die unerfahrene Kollegin hatte ihm die Tür der geschlossenen Station geöffnet. Nun war er natürlich über alle Berge und die Gefahr war sehr groß, dass er sich etwas antat.
Chiara wusste, dass so ein Fehler tödlich sein konnte und es eigentlich nichts zu beschönigen gab. Trotzdem konnte sie nicht anders als diese junge Frau zu trösten, die von Anfang an mit der Arbeit auf der geschlossenen Station hoffnungslos überfordert war. Vielleicht war Chiara auch ein wenig neidisch auf ihre Naivität und die Nachsicht, die sie als neue Mitarbeiterin genoss.
„Wir müssen jetzt sofort bei der Polizei eine Fahndung herausgeben, kannst du bitte diese Nummer anrufen und den Patienten so genau wie möglich beschreiben?“ Chiara zeigte auf die am Stationstresen in Leuchtziffern angebrachte Telefonnummer der örtlichen Polizei. Um weitere Nachfragen zu vermeiden drehte sie sich sofort um und fügte im Weggehen hinzu: Ich muss jetzt in Zimmer 12, Frau Seidel braucht Notfallmedikamente.“
Ein lauter Schrei tönte durch den Stationsflur, wie eine Bestätigung von Chiaras Aussage.
Das Wetter war eindeutig gegen sie. Es schien, als ob der Regen immer dann einsetzte, wenn sie auf ihr Fahrrad stieg. Mit einem „verdammt!“ musste sie mal wieder feststellen, dass sie dringend eine neue Regenhose brauchte, sie spürte nach wenigen Minuten die Nässe auf ihren Oberschenkeln. Doch allein der Gedanke, heute nochmal in die Innenstadt zu fahren um eine neue zu kaufen, stresste sie. Also würde sie wohl noch einige male mehr fluchen müssen.
Zuhause angekommen, brachte sie ihr Fahrrad in den Keller. Nachdem sie sich in ihrer Wohnung endlich umziehen konnte, hängte sie die triefenden Klamotten über den Badewannenrand.
Sie widerstand der Versuchung einen weiteren Kaffee zu trinken, der ihr um diese Zeit nicht mehr guttun und ihren Nachtschlaf stören würde. Stattdessen entschied sie sich für eine Tasse Tee, mit der sie es sich auf dem Chaise-longe- Teil ihrer Couch bequem machte.
In einer Stunde würde Luis kommen. Da war wieder dieses zerrissene Gefühl in ihr, dass sie kannte. Einerseits freute sie sich, denn mit Luis einen Abend zu verbringen war alles andere als langweilig. Er war intelligent, witzig und charmant. Sie hatten vor gemeinsam italienisch zu kochen, sie musste also nichts vorbereiten. Trotzdem spürte sie auch den Impuls, einfach kurzfristig abzusagen. Einfach so, um sich freier zu fühlen. Zumindest für eine kleine Weile. Danach würde sie sich wieder selbst Vorwürfe machen und sich einsam und verlassen fühlen.
Ihr Kopf wusste, dass das keine Lösung war und deshalb unterdrückte sie den Fluchtimpuls. Sie ging in den Flur und warf einen Blick in den Spiegel: „ Gut siehst du aus!“ sprach sie sich zu. Zumindest war sie mit ihren Haaren zufr