Kapitel 2 – Böses Erwachen
Völlige Schwärze umgab Sienna. Sie konnte weder die Augen öffnen noch sich bewegen. Zugleich kroch eine ekelhafte Kälte durch ihren Körper, angefangen von den Zehenspitzen bis zu ihrer Kopfhaut. Doch sie zitterte nicht.
War sie tot? Hatte eine Bombe den Bunker getroffen und sie alle vernichtet?
Schreckliche Bilder blitzten vor ihrem inneren Auge auf, begleitet von schmerzhaften Emotionen: wie sie auf brutale Weise ihre Eltern verloren hatte, bevor sie in ein anderes Land geflohen war. Wie sie sich in Arbeit gestürzt hatte, um die grausamen Szenen zu vergessen, die sich für immer in ihre Netzhaut gebrannt hatten … und dann waren die Bomben gefallen.
Sie wollte nicht daran denken, nie mehr!
Konzentriere dich, Sienna, überlegte sie angestrengt, während die Finsternis langsam zu schwinden schien.Was ist das Letzte, woran du dich erinnern kannst?
Sie hatte ihr Leben lang in einem diktatorisch regierten Staat gelebt und es dank einer Untergrundbewegung geschafft über den Seeweg von Sizilien aus auf einen anderen Kontinent zu fliehen. Tief im brasilianischen Dschungel, oder besser gesagt: tief im höchsten Berg Brasiliens, dem Pico da Neblina, half sie fernab jeglicher Zivilisation mit, einen bereits fast fertiggestellten Bunker mit Sicherheits- und Kommunikationstechnik auszustatten.
Unter dem Radar der fünf Diktatoren, die sich mittlerweile den ganzen Globus untertan gemacht hatten, waren die weltweit reichsten Personen und klügsten Köpfe an mehreren geheimen Orten zusammengekommen, um die größte Rettungsmission der Menschheitsgeschichte zu finanzieren und zu verwirklichen. Da Sienna seit ihrer Flucht kein Geld mehr besaß, war die »Bezahlung« für ihre Mithilfe ein Platz in einer der fünfhundert Kryo-Kapseln, die sich tief im Inneren des Berges verbargen, um darin hoffentlich die Apokalypse zu überleben.
An den anderen gut versteckten und abgelegenen Flecken der Welt waren angeblich Raumschiffe gebaut worden, um damit zu erdähnlichen Planeten aufzubrechen. Sienna konnte sich aber nicht vorstellen, dass das stimmte, und falls doch, würden diese Raumschiffe gewiss niemals auf Planeten stoßen, auf denen Menschen existieren konnten. Das hielt sie für völlig unrealistisch. Auf der Erde hatte ihre Spezies noch die besten Chancen, zu überdauern, sofern sich die Oberfläche eines Tages von der Zerstörung erholt hatte und darauf Leben wieder möglich wäre.
Sienna verpflichtete sich zudem, sich bei einem Notfall im Bunker, der ihren Aufgabenbereich betraf, früher auftauen zu lassen, um die notwendigen Reparaturarbeiten durchzuführen. Da sie ohnehin nichts zu verlieren hatte, willigte sie in alles ein und entschloss sich dazu, sich einfrieren zu lassen. Seit Jahren zeichnete sich ab, dass es bald zum großen Knall kommen würde, und sie hatte sich oft gefragt, wie es sich anfühlte, an Verstrahlung zu sterben. Das würde sie wohl nicht mehr erleben, dafür würde sie vielleicht in einem Bunker draufgehen.
Womöglich werde ich bei der nicht gerade ungefährlichen Kryokonservierung friedlich einschlafen und nie wieder aufwachen, dachte sie – doch diese Option machte ihr keine Angst. Dann wäre sie endlich wieder mit ihren Eltern vereint.
Kaum hatten Sienna und alle anderen Beschäftigten sämtliche Arbeiten im Bunker abgeschlossen, reisten die Menschen an, die sich einen Platz darin erkauft oder verdient hatten, um sich von den anwesenden Ärzten in den Kryo-Kapseln einfrieren zu lassen. »Traveller« oder »Reisende« wurden sie genannt.
Es dauerte fast einen Monat, bis alle Traveller im Kälteschlaf lagen. Drei Menschen hatten die Prozedur nicht überlebt, was eine erstaunlich geringe Ausfall-Quote wäre, wie die Mediziner meinten.
Nun waren die Ingenieure, Ärzte und restlichen Arbeiter an der Reihe. Ein Teil der Stammcrew, bestehend aus einem Doktor und diversen Technikern, würde die Stellung halten und alles im Bunker beaufsichtigen. Alle fünf Jahre würde die wachhabende Besatzung wechseln und die letzte legte sich in die Kapseln. Auf diese Weise »verlängerten« sie ihr Leben und alle erhielten die Chance, später wieder auf der Erde leben zu können. Für diese kleine Gruppe gab es für dreihundert Jahre Nahrungsmittel im Bunker. Hauptsächlich Konserven, Pasten und jede Menge »Trockenfutter«. In einer kleinen Halle wurden aber auch Salat, Kräuter, Kartoffeln, Beeren und andere Pflanzen gezüchtet.
Ansonsten lagerten sie hier tonnenweise Saatgut für einen späteren Anbau ein. Falls es da oben überhaupt wieder möglich sein würde, zu überleben.
Während sich Sienna für die Kryokonservierung vorbereitete – sie musste mit einem Abführmittel den Darm entleeren und durfte keine feste Nahrung mehr zu sich nehmen, brach der Große Krieg aus. Im Überwachungsraum verfolgten sie auf Monitoren die weltweiten Übertragungen, die zeigten, wie eine Stadt nach der anderen dem Erdboden gleichgemacht wurde. Auf dem ganzen Globus explodier