PROLOG
Carrie Taylor war viel zu überrascht, um wegen des bevorstehenden Vorstellungsgesprächs aufgeregt zu sein.
Sie konnte es immer noch nicht fassen, dass sie tatsächlich zum Gespräch eingeladen war. Bisher hatte sie in einem kleinen Drei-Sterne-Hotel in Manchester gearbeitet – mehr Erfahrung im Gastgewerbe konnte sie nicht vorweisen. Daher hatte sie sich auch kaum Chancen ausgerechnet, als sie sich auf die Stelle als Haushälterin eines vornehmen Hauses in London beworben hatte.
Doch jetzt stand sie hier – in einem prestigeträchtigen Herrenhaus in einer der wohlhabendsten Wohngegenden Londons. Dies war eine völlig neue Liga. Wahrscheinlich war sie auch deshalb in die engere Auswahl gekommen, weil sie sofort anfangen konnte. Schließlich hatte sie keine Verpflichtungen und keine Familie mehr, dachte sie traurig.
Bevor die Gefühle sie überwältigen konnten, verdrängte sie sie schnell wieder. Sie hatte im vergangenen halben Jahr einen dicken Schutzwall um ihr Herz gebaut und würde diesen jetzt ganz sicher nicht niederreißen. Wenn sie weit entfernt von ihrem jetzigen Zuhause einen sicheren Ort gefunden hatte, konnte sie in Ruhe ihre Wunden lecken. Der Abstand würde ihr bestimmt guttun, auch wenn sie den Erinnerungen natürlich nicht davonlaufen konnte.
Sie schob die Gedanken an die Vergangenheit energisch beiseite und versuchte, sich auf das bevorstehende Vorstellungsgespräch zu konzentrieren. Vermutlich bekam sie den Job sowieso nicht. Eine ganze Reihe wesentlich erfahrener und eleganter wirkender Damen und ein älterer Herr in einem schicken Dreiteiler waren vor ihr hereingebeten worden. Die anderen Bewerber trugen alle keine billige Kleidung von der Stange, dachte Carrie und zog verschämt ihre zerknitterte Bluse glatt.
Ihre Jacke und ihr Rock passten nicht gut zusammen, aber immerhin hatten beide Teile fast die gleiche Farbe, also musste es so gehen. Außerdem hatte ihre Feinstrumpfhose ein Loch, und sie hoffte inständig, dass man es nicht sah. Sie hatte im letzten halben Jahr mindestens fünf Kilo abgenommen. Eigentlich hätte sie für diesen Termin ein neues Outfit kaufen müssen, doch alles war so schnell gegangen, dass sie dafür keine Zeit gehabt hatte.
„Die Auswahlkriterien sind sehr streng. Aber wer nicht wagt, der nicht gewinnt“, hatte der für die Bewerber zuständige Assistent bei der Begrüßung gesagt. Und dann hatte er ungläubig gefragt: „Haben Sie wirklich noch nie von Massimo Black, Lord Linden, gehört? Er ist der Earl of Linden.“
Carrie hatte abwesend den Kopf geschüttelt. „Nein. Ist das schlimm?“
„Nein, eigentlich nicht“, hatte der Mann erwidert, sie dabei jedoch angesehen, als hätte sie zwei Köpfe.
Carrie dachte an die Unterhaltung zurück. Ihr potenzieller neuer Arbeitgeber war zweifellos sehr reich, außerdem war er ein Earl und dazu noch ein Lord. Vielleicht war er Politiker? Sie konnte unmöglich ihr Handy rausholen und ihn googeln. Sie ärgerte sich, dass sie nicht eher auf die Idee gekommen war. Im Zug hätte sie ausreichend Zeit dafür gehabt. So etwas tat man doch, um sich auf ein wichtiges Bewerbungsgespräch vorzubereiten – man e