12.10.2023: Der heutige Herbsttag ist so klar, dass er unglaublich wirkt. Er ist wie ein Spiegel, der das Licht der Welt widerspiegelt. Tobias lässt sich behutsam in die weichen Polster seines Sitzes im speziell für ihn reservierten Abteil des Intercity-Zuges sinken und lehnt sich behaglich zurück. Er schätzt das Reisen in der ersten Klasse. Ein Privileg, das er sich durch harte Arbeit und viele Opfer verdient hat.
Nicht viele in seinem Alter können sich solche Luxusreisen leisten. Doch schon seit seiner Kindheit war er derjenige, der die besten Karten in der Hand hielt, weil er als auserwählt galt und seine Fähigkeiten für diese Rolle bereits frühzeitig und zu vollsten Zufriedenheit seiner Gönner perfektionierte und einsetzte. Bereits als kleiner Junge wurde er für besondere Aufgaben auserwählt und entsprechend erzogen - jetzt steht er kurz davor, die nächsten Stufen zu erklimmen.
Lange Zeit war ihm dieser und ähnlicher Luxus verwehrt. In Lerchwies, einem kleinen, fast schon gespenstisch ruhigen Ort in der Wachau, dem malerischen Abschnitt des Donautales in Österreich, zwischen den Städten Krems und Melk gelegen, herrschten strenge Regeln und eiserne Disziplin. Fritz und Grete gaben vor, was er zu tun und zu unterlassen hatte, sie lehrten ihn Verzicht und Genügsamkeit und sie klärten ihn auf, dass es Menschen gibt, für die es besser wäre, das irdische Dasein zu beenden. Da diese dies aber kaum aus freiwilligen Stücken zu tun gedenken, muss es wiederum andere Menschen geben, die ihnen dabei helfen, von dieser schönen Welt abzutreten. Und er, Tobias, sei einer der wenigen Auserwählten, die das Schicksal zu dieser Aufgabe bestimmt hätte. In diesem Umfeld wurde er mit militärischem Drill erzogen und zu einem Mörder und Auftragskiller geformt. Bereits im zarten Alter von 10 Jahren nahm ihn der Alte auf Abenteuerfahrten mit, die alles andere als genügsam waren. Alle paar Monate ist er mit Fritz auf „Tour“ gegangen und hat dabei ein Handwerk erlernt, von dessen Existenz nur wenige Eingeweihte wussten: Wie man Menschen still und ohne Aufsehen vom Leben zum Tod befördert, sie vom irdischen Dasein erlöst und ihre Seele dem Schöpfer rein und unversehrt zuführt. Dabei hatten sich ihre Aktivitäten vor allem auf Mädchen und Frauen konzentriert, deren Lebenswandel als von der Norm abweichend zu beschreiben war. Kurz gesagt Nutten oder Huren, unabhängig davon, ob sie diesem „Gewerbe“ in professioneller Form oder in einer Art von individueller Freizeitbeschäftigung nachgingen. Manchmal waren es auch Männer, die sie von ihrem irdischen Dasein zu befreien