Entstellt
Das Auto holperte über unebenen Waldboden. Im Innern rumpelte es hohl. Nach einer viertelstündigen Fahrt über einen schmalen Waldweg tat sich vor Elei eine Lichtung auf. Das Waldhaus, in dem die Leiche gefunden wurde, entpuppte sich als Chalet. Es wirkte nett, etwas in der Zeit zurückgeblieben, aber in gutem Zustand. Das Erdgeschoss war aus groben Natursteinen gemauert, darüber folgte eine zweistöckige Fassade aus Buchenholz, das sich durch das Alter beinahe schwarz gefärbt hatte.
Elei wunderte sich über die abgeschiedene Lage. Das hier war kein typischer Ort für ein Feriendomizil. Vielleicht interessant für Vogelfreunde oder Jäger, aber kaum für Mitarbeiter eines Tech-Konzerns. Allerdings war der Konzern dafür bekannt, die Leistungsfähigkeit seiner Mitarbeiter mit unkonventionellen Mitteln zu fördern. Möglicherweise handelte es sich um einen der sogenannten »Kreativräume« des Unternehmens. Elei hatte mal gelesen, dass der von H²-CEO über ein fast zwölfhundert Quadratmeter großes Büro verfügte, in dem es nichts gab außer einem Schreibtisch und einem Sofa – der Rest war sogenannter Head-Space, Raum zum Denken.
Elei steuerte das Auto auf einen Vorplatz aus Kies. In der Mitte plätscherte ein runder moosbewachsener Steinbrunnen. Darum drängten sich zwei Streifenwagen der Polizeidirektion Ost, zwei Vans der Spurensicherung und Lombardis ziviler Waymo. Das Gebäude war von Tatortbändern umgeben. Ein junger Streifenpolizist sicherte den Zugang. Unnötig in dieser verlassenen Gegend, was sich auch im gelangweilten Gesicht des Polizisten widerspiegelte, aber es war Vorschrift.
Hinter dem Van kam ein Tüv zum Vorschein – benannt nach den Tyvek Einweg-Schutzanzügen der Spurensicherung – und stellte eine kleine schwarze Drohne auf den Boden. Der Polizist winkte Elei hinter eines der Polizeifahrzeuge.
Als Elei ausstieg, empfing ihn würzige Waldluft und das Plätschern des Brunnens. Durch den Hauseingang konnte er Lui erkennen. Er war in die Hocke gegangen und begutachtete die Leiche, von der Elei nur die untere Beinpartie erkennen konnte. Der Rest lag verborgen im Inneren.
Er ging auf den Streifenpolizisten zu. Ein Icon erschien neben dessen Kopf. Als wäre es dort angeheftet, bewegte es sich mit dem Haupt des Polizisten mit. Es bestand aus einem schwarzen Kreis mit zwei blauen Sternen, dem Dienstgrad des Polizeimeisters. Daneben schwebte ein Name in der Luft: Gerald Helfer.
»Hauptkommissar Berisha, guten Morgen«, sagte er und hob das Tatortband hoch.
Elei erwiderte den Gruß und duckte sich darunter hindurch. »Haben Sie die Leiche gemeldet?«
»Ja, ein Jäger hat sie heute Morgen entdeckt, als er auf dem Weg zu seinem Hochsitz war. Die Tür stand sperrangelweit offen. Wir sind sofort gekommen, konnten aber bloß den Tod feststellen.«
»War vor uns schon jemand im Haus?«
»Nein, der Jäger hat laut eigener Aussage kurz hineingeschaut und danach gleich uns gerufen.«
Die Drohne surrte, als sie in den Himmel aufstieg. Durch einen 360-Grad-Scanner würde sie von der näheren Umgebung des Tatorts eine 3-D-Aufnahme machen.
»Haben Sie schon Angaben zur Identität des Toten?«
»Nein, sein Gesicht ist ziemlich entstellt. Da hatte jemand eine ganz schöne Wut auf den. Aber er ist dunkelhäutig.«
Elei nickte. Das konnte für die Identifizierung nützlich sein. Auch wenn Deutschland vor der Migrationskrise Anfang der Dreißiger viele Klimaflüchtlinge aus Sub-Sahara-Afrika aufgenommen hatte, lag ihr Anteil in der Bevölkerung noch immer unter sechs Prozent. Falls der Tote ein Mitarbeiter von H² war, schränkte das die Suche erheblich ein.
Elei bedankte sich bei dem Polizeimeister und wappnete sich für den Anblick, der ihm bevorstand. Auf dem Weg zum Haus zog er Nitrilhandschuhe aus der Jackentasche und streifte sie über. Lui stand langsam auf. Den Blick auf die Leiche geheftet bekreuzigte er sich.
Die Hose des Toten war zerfetzt und mit Blut durchtränkt. Auf dem hellbraunen Parkettboden daneben waren bis tief in den Gang hinein getrocknete Blutspuren verteilt. Sie waren in alle Richtungen zu dünnen Streifen verschmiert, als hätte hier eine Basketballmannschaft trainiert.
Elei trat in die Tür. »Hallo, Lui, was haben wir?«
Der Italiener schüttelte betroffen den Kopf. »Santa madre di Cristo.«
»So s