Naee shuruaat
Der Tempel war erfüllt von murmelnden Gebeten und stickiger Luft. Eine altersschwache Klimaanlage kämpfte vergeblich gegen die Hitze, die mit dem steten Besucherstrom durch die Eingangstür strömte.
Der Dattatreya Tempel in Thyagaraja Nagar war wie viele andere Tempel in Bengaluru ein Kompromiss aus Spiritualität und dem sachlichen Rationalismus der Massenabfertigung. Entlang einer erhöhten Galerie zeugten Zeichnungen und Symbole aus der hinduistischen Mythologie von der religiösen Bedeutung dieser Stätte. Handläufe aus Chromstahl lenkten die Ströme der Gläubigen, als befänden sie sich beim Check-in eines Flughafens.
Ray kniete vor dem Altar des Brahma, einer der drei im Tempel aufgebahrten Gottheiten. Er hatte erwartet, darauf eine Statue vorzufinden. Soweit er wusste, wurde Brahma als ein Gott mit drei Köpfen und sechs Armen symbolisiert. Stattdessen befand er sich vor einer bogenförmigen Skulptur aus Silber und Gold, deren Bedeutung sich ihm verschloss. Direkt unter der Bogenmitte stand eine Schale für die Opfergaben.
Ray warf einen verstohlenen Blick zur Seite. Deependra kniete zwei Meter entfernt vor dem Shiva-Altar. Mit Dhoti, Kugelbauch und Schnurrbart passte er eindeutig besser an diesen Ort als Ray, der allein schon durch seine weiße Hautfarbe und die rot gelockten Haare als Fremdkörper auffiel.
Mit gesenktem Blick legte Deependra eine Blume vor den Altar. Er hatte sie wie Ray am Tempeleingang gekauft. Später würde sie durch einen der Mönche wieder eingesammelt und am Eingang erneut verkauft werden. Es war wie der Kreislauf des Lebens, hatte ihm Deependra mal erklärt. Es gab keinen Anfang und kein Ende. Alles wiederholte sich, verbrauchte sich, erneuerte sich.
Rays Schwiegervater legte die Hände vor der Brust zusammen und betete konzentriert. Er sah aus, als würde er Frieden und Trost darin finden. Ray wünschte sich manchmal, auch an etwas glauben zu können. Dass es eine höhere Macht gab, die über ihn wachte und seine Gebete erhörte. Aber als Wissenschaftler und Rationalist stand ihm der Luxus der Religion leider nicht zur Verfügung.
Er wandte sich wieder seinem Altar zu. Er legte seine Blume in die Schale und faltete die Hände vor der Brust. Ein rein symbolischer Akt, den er einzig und allein für seinen Schwiegervater vollzog. Es schien Deependra viel zu bedeuten, dass sie hier waren. Ein gemeinsames Gebet für Shirelaan. Ein stummer Aufruf an die Götter. Doch es gab nichts, worum Ray Brahma noch sonst irgendeine Gottheit hätte bitten können. Seine Frau war tot, daran gab es nichts mehr zu ändern.
Es fiel ihm schwer, an sie zu denken. Selbst nach zwei Jahren. Also schloss er nur die Augen und versuchte sich auf etwas anderes zu konzentrieren.
Als er wieder aufsah, richtete sich Deependra auf und verbeugte sich vor dem Altar. Ray tat es ihm gleich und war froh, wieder einen anderen Gedanken fassen zu können. Sie folgten stumm den Handläufen bis zum Ausgang. Hinter ihnen rückte die Schlange nach, und die Nächsten schoben sich zu den Altären. Andere Schicksale, andere Gebete, andere Hoffnungen.
Als sie durch die zweiflügelige Glastür traten, erwartete sie die drückende Hitze der indischen Millionenstadt. Dichter Verkehr erfüllte die Straßen mit Hektik und Lärm. Immerhin war der Geruch nicht mehr ganz so unerträglich, seit die elektrischen Rikschas und Mopeds einen Teil der stinkenden Zweitakter reduziert hatten. Doch der Dreck und die Fäkalien waren geblieben.
Deependra lächelte Ray an. »Tee?«, fragte er. »Ich kenne ein gutes Restaurant, das Kholi Mane, ist nicht weit von hier.«
Obwohl Ray durch Shirelaan ein einigermaßen passables Hindi beherrschte, sprach Deependra in der indischen lingua franca. Die englischen Worte purzelten schnell und wie kantige Steine aus seinem Mund. Englisch war zwar die Amtssprache des Subkontinents, aber kaum jemand sprach es von Geburt an. Dadurch war es den Eigenheiten der regionalen Sprachen ausgeliefert und folglich für Ausländer nur bedingt verständlich. Aber Ray arbeitete bereits seit gut vier Jahren in Bengaluru und hatte sich an den holprigen, aber durchaus sympathischen Akzent gewöhnt.
»Ja, wenn dir die Zeit noch reicht, sehr gern«, sagte er.
Das Lächeln seines Schwiegervaters wurde breiter. Er hatte ein rundes und freundliches Gesicht. So lange Ray sich zurückerinne